Über das Verlangen nach einer pastellfarbenen Welt
Die Frühjahr/Sommer-Modeschauen für 2018 sind gerade vorbei. Mehr als die neuen Kleider sind es natürlich die neuen Bilder, die in unserem Geist die bisherigen ablösen. Neue Bilder von der Welt und vom Ich, einem potenziellen, zukünftigen Ich. Tausend neue Möglichkeiten, man selbst zu sein. Tausend neue Formen des Selbst. In der Mode kristallisiert sich der Wunsch, sich zu planen, neu zu erfinden, mit einer festgelegten Identität zu brechen und Bewegung ins Leben zu bringen. Bei Balenciaga und Céline sieht man Dekonstruktion, die Subversion der Codes, eine Ode an die Diversität. Bei Dior die Neuerfindung der Niki de Saint Phalle, bei Stella McCartney urbane Amazonen, bei Chloé, Jacquemus und vielen anderen zeitlose Anmut und Partystimmung. Dieser permanente Turnover der Wunschbilder verleiht den Sehnsüchten, die in den sozialen Netzwerken keimen, eine konkrete Form.
Die Entstehung und das Trending der Hashtags machen es somit einfach, der Gesellschaft den Puls zu fühlen.
Unter den ganzen Schlachtrufen, mit denen das uralte Bedürfnis nach Konformität und der für die Kommunikation erforderliche gemeinsame Wortschatz hinausgeschrien werden, stehen #curatedlife und auch #edityourlife eindeutig hoch im Kurs. Jaja, genau wie der Direktor der Biennale für zeitgenössische Kunst oder die unerbittliche Fashion-Redaktorin kannst auch du in deinem Leben aussortieren und entscheiden, was deiner Meinung nach gerade einen Wert hat und was auf den Kompost darf. Einmal mit dem Besen darüber.
Im Raum des Hashtags verwandelt sich die Welt – zuallererst der eigene Kleiderschrank – in ein Projekt, eine Idealvorstellung. So einfach ist das.
Der Erfolg dieser Hashtags in der Form von Vorsätzen oder getarnt als Mantras ist leicht zu erklären: Ein Lebensentwurf mit Bewegung und Veränderung ist absolut lebenswichtig. Wenn man diese Horizonte und Möglichkeiten aus den Augen verliert, kann man gleich einpacken. Der Glaube an die eigene Fähigkeit, seine Umwelt zu verändern, bringt Babys zum Schreien, Greifen, Wachsen, Laufen und Erwachsene dazu, unaufhörlich um sich herum und an sich selbst zu gestalten. Dieser Glaube bekräftigt bewusst und ausdrücklich den Wandel des Lebens selbst. Aber mich frappiert natürlich, in welchen Begriffen er sich heute manifestiert: Diese Maximen beziehen ihr Vokabular aus der Kunst, Ästhetik und dem Schreiben – dieses "kuratierte Leben" und "redigiere dein Leben" – und evozieren einen französischen Park mit schnurgeraden Alleen und gezähmter Natur, kontrollierbares Chaos und zum Schmuckstück geschliffenen Text. Überall blühen diese Aufforderungen zur Kontrolle der eigenen Umgebung und zum Minimalismus. Im Kielwasser von Marie Kondo macht sich in den Bücherläden der schwedische "Lagom"-Trend breit, der die Kunst der Schlichtheit propagiert, hinzu kommen Werke mit noch mehr Hardcore-Minimalismus, wie "Goodbye, Things" von Fumio Sasaki.
Welches Verhältnis besteht zwischen den wohlfeilen Wunschbildern und der Erfindung des Ich? Sie sind nur aufeinanderfolgende Anstrengungen im gleichen Unterfangen: dem ständigen Update unserer Gelüste und Wünsche, unserer Identität und der Stellung, die wir in der Welt innehaben möchten. Wie eine Schlange, die ihre alte Haut abstreift, damit eine neue nachwächst, kann die Veränderung nur vollziehen, wer bereit ist, einige Dinge aufzugeben. Die Ethno-Psychoanalytikerin Clarissa Pinkola Estés nennt es das Prinzip Leben-Tod-Leben, das jedem kreativen Prozess zugrunde liegt, und der Soziologe Francesco Alberoni stellt dar, wie dieses Erneuerungsprinzip trennt, was vereint, und vereint, was getrennt war. Zum Neuorganisieren des Lebens gehört die Fähigkeit, manche Dinge sterben zu lassen, damit andere entstehen. Und eine Auswahl zu treffen im System der Werte und Gegenstände, das ständig zu neuen Formen gezwungen ist, am besten zu möglichst begehrten und konstruierten.
Diese aufpolierten Bilder, die man auf Instagram unter diesem Banner sieht, definieren die Ästhetik der Mode- und Lifestyle-Bloggerinnen selbst. Der Cappuccino mit dem unvermeidlichen vierblättrigen Kleeblatt im Milchschaum. Die sorgfältig arrangierten Wildblumensträusse. Die glutenfreien Cookies. Die Pastellfarben am laufenden Meter.
Kann in einer Welt mit so sauberen, niedlichen Konturen überhaupt irgendetwas Schlimmes passieren?
Das ist übrigens vielleicht genau das, was man an einem "redigierten", minimalistischen, pastellfarbenen Leben gerne hätte: eine Existenz ohne Chaos, in der die umgebende Welt ein Innenleben widerspiegelt, aus dem alles Beunruhigende beseitigt wurde. Die Konturen vorzeichnen, damit die Seele sich ausbreiten kann. In dieser Welt der Zeichen das Echo eines inneren Rufs wahrnehmen. Wie wenn man sich ein neues Kleidungsstück gönnt, das bereits die Stimmung und Persönlichkeit ausdrückt, die man der Welt gegenüber ausstrahlen möchte.
Alles neu organisieren, alles neu denken. Gestern ist vor der Sintflut. Ein Hashtag als Motto ist vor allem eine Art, mit seiner Energie zu haushalten: Es auszusprechen, bedeutet bereits, sich ein wenig anzustrengen. Es ist eine wahre Lüge – weil man daran glauben will. Es ist ein Weg, die Zeit zu strukturieren, die immer als zu linear erlebt wird, wenn jemand gern an den Zauber des ewigen Neubeginns glaubt. Etwas am Körper, im Job, der Partnerschaft, der Beziehung zur Sprache oder auch der Inneneinrichtung zu verändern, ist in Wahrheit harte Arbeit und erfordert Zeit. Viel Zeit. Unser ganzes Leben bereitet uns auf diese Entscheidungen vor und hinterlässt langsam seine Furchen. Doch mithilfe eines Vorsatzes, eines Hashtags oder eines Fotos erhält dieser Zustand der unterschwelligen Instabilität, dieser Langstreckenlauf, Form, Profil und Spannung. Man lasse sich nicht täuschen:
Trotz meterweise ästhetisch zerknitterter Leinenbetttücher und perfekt gewelltem Beach Hair sind #curatedlife und #edityourlife Kampfschreie.
Die Geschichte vom Zauberstab in der Erwachsenenversion. Eine Möglichkeit, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, Entscheidungsträgerin zu sein und die Veränderungen zu kontrollieren, anstatt von ihnen überrollt zu werden. #curatedlife ist eine Binsenwahrheit, das Bekenntnis zum ständigen Inszenieren des Ich, das auf Instagram vorherrscht. Quasi eine Anweisung, ein immer neues Versprechen, von sich selbst nur zu zeigen, wie man sich neu erfinden möchte. Eine notwendige freundliche Lüge und ein Quell der Träume.
Illustration: Anna Haas