Buchgeflüster: Viktorija Tokarjewa – Meine Männer
Viktorija Tokarjewa ist eine der berühmtesten, wenn nicht die berühmteste Schriftstellerin Russlands, welche ausserhalb ihres Vaterlandes grosse Bekanntheit geniesst. 1937 wurde Viktorija in St. Petersburg, damals noch Leningrad, geboren. Sie heiratete jung und zog mit ihrem Ehemann nach Moskau, wo sie drei Jahre lang - ziemlich unglücklich - als Musiklehrerin arbeitete. Sie schaffte es dann, dank guter Beziehungen, an die Moskauer Filmhochschule, wo sie das Studium zur Drehbuchautorin absolvierte. Im Jahr 1964 wurde erstmals eine ihrer Erzählungen in einer Zeitung veröffentlicht. Seither widmet sie sich ganz der Literatur. 2017 feierte sie nicht nur ihren 80. Geburtstag, sondern auch die Veröffentlichung ihres 10. Romans in deutscher Sprache: "Meine Männer".
Wo sich sonst ihre Texte um fiktionale Protagonistinnen drehen, beschreibt sie in diesem autobiographischen Roman ihre eigene Lebensgeschichte anhand der einflussreichsten männlichen Personen in ihrem Leben. Dies lässt einerseits in die uns fremd gewordene Mentalität der russischen Frauen blicken, wo der Verlauf des eigenen Lebens nach wie vor stark vom männlichen Geschlecht abhängig ist. Andererseits, und ich bin froh, kommt diese Seite stärker zum Zuge, gibt sie uns mit ihrer feinen Skizzierung ihres Lebens Einblick in ihre persönliche Wahrnehmung ihres Werdegangs, ihre Gefühle und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Mit ihrem direkten und ehrlichen Stil führt sie einen ohne Umschweif an die Schauplätze ihrer Geschichte, redet nicht um den heissen Brei herum und verzichtet auf kitschige Ausschmückungen. Damit bietet sich dem Leser eine klare Zeichnung dieser interessanten Frau an. Ein erster Grund, sich dieser Erzählung zu widmen.
Auch wenn der Titel eindeutig allein den männlichen Einfluss in ihrem Leben betont, macht sie es durch das Possessivpronomen "Mein" zu ihrer persönlichen Angelegenheit. Dies wird beim Lesen auch klar. Sie macht die Männer in ihrem Leben nicht verantwortlich für den Verlauf ihres Lebens, sondern stellt stets die Interaktion zwischen diesen Personen und sich selbst in den Fokus. Lesenswerter Grund Nummer zwei. Zudem bekommt der Titel durch diese Zuschreibung einen liebevollen Charakter, welcher sich auch in ihrer Art des Schreibens wiederfindet. Um das Thema "Liebe" kommt man übrigens im ganzen Roman nicht herum. Ob die Liebe zu einer Tätigkeit oder einem Menschen, das Thema umspielt jede Episode ihres Lebens wie eine erfrischende Brise. Manchmal offensichtlich niedergeschrieben, manchmal zwischen den Zeilen aufzufinden; auf jeden Fall immer präsent. Dabei malt sie kein Bild von diesem kitzelnden Herzgefühl, sondern von einer tiefen Verbundenheit vertrauter Seelen. Dies der letzte, und für mich schlagkräftigste, Grund, sich Zeit für diesen Roman zu nehmen.
"Meine Männer" von Viktorija Tokarjewa
erschienen am 25. Oktober 2017 bei Diogenes
176 Seiten / CHF 27
Leseprobe unter: www.diogenes.ch/leseprobe