Buchgeflüster: Amélie Nothomb - Töte mich
Amélie Nothombs "Töte mich" erzählt von väterlichem Stolz und jugendlichem Weltschmerz, in einem Setting, welches vielen fremd sein mag. Erschienen ist der postmoderne Roman am 23. August 2017 bei Diogenes. Darin wird die Geschichte des Grafen Henri Neville erzählt, einem traditionsbewussten und korrekten Aristokraten. Sein adliges Leben wird durch eine unerwünschte Prophezeiung stark ins Wanken gebracht. Dieser zufolge wird der Graf auf seiner baldigen und zudem letzten Gartenparty einen seiner Gäste ermorden. Ihm als Meister der Gastfreundschaft ist dies unbegreiflich; seine einzige Hoffnung ist ein gänzlich fehlerloses Verbrechen, bei dem sein Ansehen und der Ruf der Familie nicht zerstört wird. All dies spielt in Belgien im Jahr 2014. Diese offensichtliche Spannung zwischen der Erzählung und der vorherrschenden Realität zum aktuellen Zeitpunkt lässt darauf schliessen, dass der Roman keinen grossen Anspruch an Wirklichkeit, sondern viel mehr an Unterhaltung hat.
Die Geschichte ist in zwei Parts aufzuteilen. Im ersten bekommt der Leser dank eines auktorialen Erzählers Einblick in die Gedanken und Gefühle des Grafen. Nachdem dieser von einer Wahrsagerin erfahren hat, dass er auf seiner letzten Gartenparty im Chateau du Pluvier einen Gast ermorden wird, stürzt er sich in eine erfolglose Planung nach dem perfekten Mord. Seine Gefühlsschwankungen gehen dabei von euphorischem Leichtsinn zu schwermütiger Niedergeschlagenheit. Auf seiner Suche wendet er sich an seinen Freund Évrard Schweringen, welcher alles über die Geschichte des belgischen Adels wusste. Im zweiten Teil rückt seine Tochter Sérieuse ins Rampenlicht, welche dem Vater einredet, sie selbst wäre das optimale Opfer. Vom Leben, vor allem vom Nichts-Empfinden, hat sie genug und findet es nur gerecht, wenn der Vater, welcher schliesslich massgeblich zum Entstehen ihrer Existenz beitrug, ihr dieses auch wieder nehmen würde.
Neben der Tatsache, dass dieses adlige Drama im Jahr 2014 stattfindet, trägt die Haltung des Grafen noch mehr dazu bei, die Geschichte aus dem Kontext der Aktualität zu reissen. Seine naive und kritiklose Haltung gegenüber dem Geschehen in seinem Leben im Zeitalter der Postmoderne geben der Geschichte eine realitätsferne Aura. Keine Aussage stellt er in Frage, die Prophezeiung nimmt er ohne einen einzigen kritischen Gedanken an und scheint allgemein nicht im Besitz eines aufgeklärten Denkens zu sein.
Seine Tochter Sérieuse hingegen ist ein Charakter, in den man sich ohne Mühe einfühlen kann. Ihre Beschreibung des Lebens als mühsame Last aufgrund ihrer Empfindungslosigkeit mag vielen bekannt sein und in den Beschreibungen ihrer erklateten Gefühlswelt kann man sich leicht wieder finden. Trotz der Realitätsferne der Geschichte ist sie authentisch erzählt. Der engstirnige Geist des Grafen passt zu dessen Sicht auf den Adel und das Leben. Nüchtern betrachtet machen seine Aussagen und Gedanken oft keinen Sinn, doch dies alles wird so selbstverständlich erklärt, dass man gar nicht anders kann, als ihm zu glauben und mitzufiebern. Bei den Handlungen verhält es sich ähnlich. Sie sind verständlich dargestellt, doch auf den zweiten Blick höchstens zweifelhaft, viel mehr unglaubwürdig.
Die immer wieder auftretende veraltete Wortwahl versetzen den Leser in die Welt des Grafen und gibt einen kleinen Einblick in den Adel hinein. Seine ständigen Ansprachen an seine Tochter mit "Mein Kind" oder an Ervard mit "Mein Freund" scheinen nicht ins Jahr 2014 zu passen. Gerade darum passen sie so gut zum Grafen – sie sind der Zeit fremd und rückständig, zu gehoben für die Gegenwart. Interessant ist auch hier de Vergleich mit Sérieuse. Diese verwendet Wörter wie "Scheisse" und "verdammt", ist also im gebräuchlichen Wortschatz des 21. Jahrhunderts zuhause. Die Figuren gewinnen damit an Authentizität und ihre Charakter werden umso klarer definiert. Die Autorin lässt die Figuren auch ständig mit Aphorismen spielen. Die damit entstehende Intertextualität mag ein Stocken ins Lesen bringen, da man (falls unbekannt) sich zuerst erkunden muss, um was es sich dabei handelt – ein Blick in die Griechische Mythologie lohnt sich jedenfalls. Doch dies vertieft schlussendlich das Verständnis für das Geschehen und erweitert die Perspektive, ist damit ein wichtiger Beitrag zum hermeneutischen Zirkel.
Die Geschichte legt den Fokus auf die Beziehung zwischen Vater und Tochter, dem Alten und Neuen, Stagnation und Wachstum. Gespickt mit Auszügen aus der Griechischen Mythologie bekommt das Gesamtbild einen zusätzlichen Hauch Nostalgie, mit dem Reden über Ahnen und Schlösser, Bälle und Grafen sowieso. Die Geschichte überzeugte nicht mit ihrer Handlung; zu einfach die Gedankengänge des Grafen, zu traumhaft geht alles auf, zu weit entfernt ist dies vom eigenen persönlichen Erleben. Viel ansprechender ist die Darstellung Sérieuses, ihre düsterer Blick und ihr Verzweifeln am Leben, mit welchem sich leichter identifizieren lässt als mit dem Adel des Grafen. Zudem sind die Wortwechsel zwischen Vater und Tocher charmant komisch und bekommen durch die starken Unterschiede der Charakter einen schrulligen Touch, welcher das Lesen unterhaltsam und das Schmunzeln einfach macht. In diesen Wortgefechten liegt meiner Meinung nach die Stärke dieses Romans, das gewisse Etwas, was einem zum Weiterlesen bewegt. Zu empfehlen ist diese Geschichte demzufolge vor allem an Liebhaber von Schmunzel-Dialogen und Lesern, bei denen der Realitätsbezug nicht an erster Stelle steht.
"Töte mich" von Amélie Nothomb
erschienen am 23. August 2017 bei Diogenes
112 Seiten / CHF 27
Leseprobe unter: http://www.diogenes.ch/leseprobe