Jacob Banks ist der authentische Künstler, den wir erwartet haben
Jacob Banks ist ein sprudelnder neuer Künstler, dessen Potential mit nur einem Blick auf seine Musikvideos offenbar wird. Er ist gutaussehend, stilvoll - in dieser punkig-adretten Art, die nur britische Talente besitzen - ein einzigartiger und gefühlsvoller Songwriter, und vor allem kann er singen. Wirklich gut, wirklich echt singen: Er brummt ergreifende Tiefen und säuselt sich in die süssesten Höhen. Der 26-jährige Musiker hat vor Kurzem bei Interscope Records unterschrieben, nachdem er ein paar vielversprechende Singles vorstellte, auf denen er sein Talent für den Stil der 60er Jahre bewies und diese völlig frisch klingen liess. Er erinnert an die jüngste Generation britischer Sänger, die auf Dusty Springfield und Sam Cooke zurückgreifen: Amy Winehouse, Duffy und die frühe Adele. Er hat keine Angst davor, in seinen Liedern auch schwierige Themen anzugehen. Der Track "Unknown (To You)" ist eine anschauliche Nacherzählung einer emotional angespannten Vebindung. In dem Video für den Track macht Banks Anspielungen auf eine toxische Beziehung zwischen Vater und Sohn. Einer seiner Helden, Timbaland, machte erst kürzlich einen Remix daraus. Wie er uns bei einem Anruf aus seinem Tourbus in Amerika erzählte (er ist auf seiner ersten Solo-Tournee in den Staaten), ist er ein junger Mann, der mit seiner Musik viel zu sagen hat. Wenn die Dinge sich so weiterentwickeln, wie sie es momentan tun, wird er noch viele Möglichkeiten haben, dies zu tun.
Du nimmst dich in "Unknow (To You)" dem nicht gerade leichten Thema schwieriger Vater-Sohn-Beziehungen an. Warum?
Dieses Lied besteht schon etwa seit drei Jahren. Die Bedeutung davon hat sich in dieser Zeit verändert, weiterentwickelt. Als ich es schrieb, ging es um eine Beziehung, in der ich mich zu diesem Zeitpunkt befand. Wir wussten beide, dass es mit uns zu Ende war, wussten aber nicht, wie wir dies einander sagen sollten. Aber als ich es herausbrachte, begann es mehr von einer Vater-Sohn-Beziehung zu handeln. Mit Migrationshintergrund aufgewachsen erlebte ich, als Mann, wie mir beigebracht wurde, Gefühle in den Hintergrund zu stellen und nicht darüber zu sprechen. Die meisten Männer, die ich kenne, können nicht sagen, was sie denken, was sie fühlen. Es war uns nie erlaubt, darüber zu reden, wie man mit einem Partner kommuniziert und ich denke, dies führt alles darauf zurück, wie wir mit unseren Vätern kommunizieren. Hypermaskulinität ist meiner Meinung nach ein massives Problem. Dass es nicht in Ordnung ist, als Mann Gefühle zu zeigen. Es handelt sich dabei um eine universelle Sache. Die meisten Männer werden dir sagen, dass es ihnen schwerfällt zu kommunizieren, weil es uns so lange nicht beigebracht wurde. Wir sind es gewohnt, Dinge totzuschweigen. Es geht also nicht grundsätzlich um meinen Vater - es handelt von der Beziehung zwischen Männern im Allgemeinen.
Gerade jetzt, wo die Nachrichten von Anschuldigungen und Debatten über sexuelle Übergriffe überflutet werden, scheint die Hypermaskulinität ein guter Anfang zu sein, Veränderungen anzugehen.
Ich sage meinen Freunden oft, dass wir 80 Prozent unserer Probleme lösen könnten, wenn wir die Hypermaskulität angehen würden. Wir werden Frauen besser behandeln. Wir werden lernen, mehr Verständnis für die gleichgeschlechtliche Ehe zu haben. So viele Dinge werden sich lösen, wenn wir sie ansprechen. Vieles hängt damit zusammen, wie wir aufgewachsen sind. Uns wurde beigebracht, Dinge zu verdrängen. Es wird Zeit brauchen, aber es kann damit anfangen, wie wir unsere Söhne erziehen, wie wir mit unseren Brüdern umgehen, wie wir mit anderen Männern sprechen.
Ich habe den grössten Teil meines Lebens alleine verbracht. Dabei habe ich mich immer damit schwergetan, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Ich weiss nicht, wie ich kommunizieren soll. Sogar in Beziehungen weiss ich nicht, wie ich an diesen Ort der authentischen Kommunikation gelange. Und so ist die Musik alles, was ich habe. All meine Energie fliesst in sie hinein. Ich möchte, dass das Album den Leute Gesellschaft leistet. Um das möglich zu machen, muss ich ehrlich sein.
Timbaland remixte das Lied. Was bedeutete das für dich?
Ich wuchs mit all dem auf, was Timbaland tat - Busta Rhymes, Missy Elliott, Aaliyah. Es war ein massiver Teil meiner Kindheit. Es ist ein wundervolles Gefühl, von jemandem unterstützt zu werden, dem man schon zugehört hat, bevor man je eine Gitarre in der Hand hatte. Er hat sich nach dem Lied erkundigt und wollte mich unterstützen. Ich konnte es anfangs kaum glauben. Wir werden im neuen Jahr dann zusammenarbeiten.
Du verbrachtest den ersten Teil deiner Kindheit in Nigeria. Woran erinnern du dich besonders?
Ich erinnere mich, dass es Spass machte. Dass ich eine gute Zeit hatte. Der Vorteil daran, in diesem Teil der Welt aufzuwachsen, ist, dass das Leben nicht auf Vergleichen aufgebaut wird. Jeder bekommt den gleichen Anteil. Im Westen sind die Leute auf bösartige Weise nach Klassen aufgeteilt. In Nigeria fühlt man sich nicht als Aussenseiter, da alle gleich hart behandelt, und gleich fest geliebt werden wie alle anderen auch. Ich wurde von meiner Mutter, meiner Tante oder einer fremden Dame im Laden diszipliniert - es gab da keine besondere Behandlung. Ich denke, das ist meine stärkste Erinnerung an diesen Ort. Wenn du in den Westen ziehst, fängst du an, die Dinge zu vergleichen, und dies gibt deinem Glück einen Knick.
In dein Sound mischt sich stets ein Gefühl von Nostalgie. Woher kommt das?
Von der Wahrheit. Ein Lied, das dich für eine lange Zeit begleiten wird, sollte wie ein Projektor im Hinterkopf spielen, eine Erinnerung, ein Gefühl, ein Geruch. So schreibe ich Lieder. Wenn ich die Akkorde höre, löst das eine Erinnerung aus, ich fühle mich in eine andere Zeit, einen anderen Ort versetzt. Meine Musik ist reflektierend, so bekomme ich meine Gedanken auf Papier. Wir schauen auf Klassiker wie Al Green oder Sam Cooke zurück, aber zu ihrer Zeit waren sie die Vordenker.
Einige deiner Videos haben einen politischen Unterton, einschließlich "Chainsmoking", in dem du einen Polizisten mit deiner Faust in der Luft konfrontierst.
Meine Aufgabe ist es, auf meine Zeit zu reagieren. Wenn sich die Zeit verändert, kann ich meine Musik vielleicht weniger politisch machen. Aber gerade jetzt leugnen die Leute andere Leute im grundlegendsten Sinn. Ich weiss nicht, wie man Leute davon überzeugen kann, sich um andere Menschen zu kümmern. Wir alle sind zufällig hier. Ich bin eines Tages aufgewach und ich war eben schwarz. Warum sollte irgendjemand dafür bezahlen müssen?
Deine Stimme ist unglaublich emotional - wie gehst du an ihre Ausarbeitung heran?
Wenn ich einem Künstler zuhöre, lautet meine Frage: Kann ich dieser Person vertrauen? Viele Menschen können gut singen, aber können sie Ihre Emotionen auch wirklich vermitteln? Das versuche ich zu tun. Ich bin in der Kirche aufgewachsen, aber ich habe erst angefangen zu singen, als ich 20, 21 war. Ich habe lange versucht, meinen Platz zu finden und versucht, meine Gefühle zu vermitteln.
Du bist am Anfang einer großen Karriere - wenn du deine Zukunft anschaust, was siehst du?
Ich schaue nicht wirklich hin. Mein Massstab war es immer, Musik mit Leuten zu spielen, die ich liebe. Ich bin im Tourbus mit Leuten, die ich wirklich liebe. Ich habe so viel über mich selbst gelernt, als Künstler. Wie man liebt, wie man geliebt wird. Ich kann besser kommunizieren. Selbst wenn das Album ein Misserfolg wäre, würde ich aufgrund des Prozesses ein besserer Mensch werden. Ich denke, Musik ist wunderbar, aber manchmal geben wir uns zu viel Anerkennung dafür. Wir können damit keinen Krebs heilen. Ich habe das Privileg, meine Leidenschaft als Job auszuüben. Ich bin da, wo ich sein soll. Alles was danach kommt, ist okay, ich nehme es an. Aber ich bin jetzt schon da, wo ich sein möchte.
Was möchtest du mit deinem Debütalbum erreichen?
Ich versuche, nicht selbstgefällig zu sein. Dies ist leichter gesagt als getan. Sobald man Erflog hat, denkt man, dass man es wieder so tun müsste. Aber das ist ein Fehlschluss. Der springende Punkt ist, dass es einzigartig ist. Wenn man es noch einmal tut, wird es zu einem Klischee. Es war schwer, den ersten Goldtopf zu finden, aber man muss danach einen anderen finden. Man kann das nicht zweimal tun.
Dieses Album umfasst alle Genres der britischen Kultur: Drum 'n Bass, Dschungel, Reggae. Es gibt so viele Kulturen in England. Alle meine Freunde können Patois sprechen. Ich kann "Hallo" in Urdu sagen. Es ist ein Mikrokosmos von Menschen aller Gesellschaftsschichten. Ich möchte zeigen, wie ich aufgewachsen bin, die multikulturellen Orte, die mich grossgezogen haben.
In deiner Twitter-Biografie bezeichnest du dich als "Jerk-Chicken-Kenner". Wo ist dein Hotspot?
Wenn dir jemand sagt, dass es einen bestimmten Ort gibt, der das beste Jerk Chicken macht, dann liegt diese Person falsch. Es hängt davon ab, wie es einem gefällt. Manche Leute mögen es würziger. Manche mögen es lieber gegrillt. Ich liebe diesen Ort mit würzigem Chicken, welcher unter dem Namen "C Breeze" bekannt ist. Ich vergöttere Jerk Chicken einfach.
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Grace Rivera.