Die Übermacht der Supernormalität
Ich bin besessen von der Strasse, genau wie du.» «Ich glaube, auf eine bestimmte Weise ist die Normalität inspirierend, in mancher Hinsicht.» Das T Magazine hat dieses gross angelegte Gespräch zwischen zwei Persönlichkeiten im Mittelpunkt der heutigen Mode aufgeschrieben – Alessandro Michele von Gucci und Demna Gvasalia von Vetements und Balenciaga - und es ist mir genau in dem Zeitpunkt wieder eingefallen, als ich mitten in der Normalität steckte: in der Warteschlange bei McDonalds. Ich war da ziemlich notgedrungen und etwas schuldbewusst mit meinen Kindern hingegangen, die lauthals nach Pommes-Frites verlangt hatten. Die Normalität hat sich mir in all ihrer Herrlichkeit dargeboten mit Momenten, die nur sie erfinden kann. Vor mir bestellte ein Mann im DHL-Shirt das Menü Royal Deluxe und ich habe mich plötzlich gefragt, ob sein Look die Unterschrift von Demna Gvasalia von Vetements trägt oder ob dieser Mann einfach nur seine Arbeitskluft anhat. Dieser leicht surreale Moment hatte etwas von einem künstlerischen Happening: Wie damals, als die Besucher das Pissoir von Duchamp in einem Museum entdeckten – das erste Ready-made – und sich wohl gefragt haben, ob dieser Gegenstand nun trivial oder artistisch sei, da die Grenze zwischen dem Sublimen und der Normalität ja oft sehr dünn ist. Und genau weil sie Fragen dieser Art aufwirft, ist die Arbeit von Demna Gvasalia so interessant für unsere Epoche.
So weit, so gut, aber was ist Normalität? Für Alessandro Michele kann das heissen, auf einem Skateboard in roten, spitzenbesetzten Minishorts mit einer weissen Mütze auf dem Kopf und einem ausgestopften Pfau im Arm durch die Gänge der Berliner U-Bahn zu fahren. Oder ein DHL-Shirt für 315 Franken zu kaufen, weil der konzeptuelle Wert den Preis rechtfertigt. Jeder hat halt seine eigene Sichtweise auf die Normalität. Sicher ist, dass die Realität, so fantasiert sie auch sein mag, noch nie so hoch im Kurs stand wie heute. Sie ist das Schlüsselkonzept der Selbstvermarktung, angefangen bei den Leuten an der Macht, für die sie zu einer wahrhaftigen Supermacht geworden ist. Zeigen, dass man sehr mächtig und gleichzeitig sehr normal sein kann, das ist die Gleichung, die es zu beherrschen gilt, um seine Beliebtheit hochzutreiben (aka: die Anzahl von Followers).
Dieser Paradigmenwechsel ist eine Tendenzwende in der Präsentation der Machtgestalten, ob sie nun der Welt der Politik, der Wirtschaft oder dem Showgeschäft angehören. Erinnern Sie sich: Es gab eine Zeit, als die Erschaffung eines Star-Nimbus über eine reelle oder frei erfundene Mystifizierung erfolgte, mit einem überschäumenden und dekadenten Alltagsleben und Gewohnheiten der gleichen Art. Wenn sie nicht in Eselsmilch badeten, bevor sie ein Kaviar-Canapé zu auf Buchenholz gegrillten Marshmallows verdrückten, verdienten sie es nicht wirklich, ein Star zu sein. Denken Sie an Madonna, an Michael Jackson oder an Jackie Kennedy: Wäre es ihnen jemals eingefallen, am Sonntag über die Felder zu spazieren und danach Konfitüre aus Bio-Aprikosen herzustellen? Die wären lieber tot umgefallen, als für jemand gehalten zu werden, der das Leben eines Normalsterblichen führt.
Was hat sich also verändert? Ich bin nicht sicher, ob die Dinge heute grundsätzlich anders sind. Ich bin nicht sicher, ob Madonna nicht auch gerne Nutella-Schnitten im Pyjama gefuttert hat oder ob Michelle Obama ihre Tage wirklich mit Gartenarbeit verbringt, wie sie uns auf ihrem Instagram-Profil glauben machen will. Eine grundlegend neue Wendung hat jedoch die Inszenierung der sozialen Darstellung der Macht und des Erfolgs genommen, gleichzeitig mit den neuen technologischen Instrumenten zu ihrer Präsentation. Auf ihrer Instagram-Seite präsentiert sich Hillary Clinton, die ohne Zweifel auf dem Weg ist, die mächtigste Frau aller Zeiten zu werden, als «doting grandmother, among other things»
(eine vernarrte Grossmutter, unter anderem). Mark Zuckerberg postet ein Foto seiner Garderobe (auf Facebook, of course), das zehn identische graue T-Shirts und ebenso viele anthrazitgraue Sweat-Shirts mit dieser Bildunterschrift zeigt: «Erster Arbeitstag nach meinem Vaterschaftsurlaub, was soll ich anziehen?» Taylor Swift liebt es, bei den Hochzeiten ihrer besten Freundinnen als bescheidene Brautjungfer zu erscheinen. Und jeder normale Star (mit einer ansehnlichen Anzahl von Followern) stellt weit öfters seine homemade cookies vor als seine Reisen im Privatjet. Willkommen in der Ära des Instagramfilters und der Traumwelt 2.0: Heute ist es das Stinknormale, das Träume weckt (und verkauft) – die erweiterte Realität, die sublimierte Wirklichkeit. Gartenarbeit ohne Anstrengung. Ein Teint ohne Make-up, aber mit Sonnenfilter. Biskuits ohne Abwaschgeschirr. Ein entspanntes Gesicht vor dem Sonnenuntergang mit dem Selfie-Stick hors-champ. Ganz egal was man lebt, Hauptsache, es wird ein Hauch von Realität in Szene gesetzt, eine Idee von wahrer Existenz; dadurch lässt sich die unendliche Komplexität der Gefühle und des Erlebten auf ein Foto oder ein Minivideo reduzieren. Und man kann glaubhaft machen, dass man selbstverständlich ein ganz einfacher Mensch ist. Das ist die neue Supermacht der Machtmenschen.
Ich kann mich an die Vorstellung erinnern, die wir uns in meiner Kindheit von einem Star machten: Sie waren alle ausser Reichweite, genau weil man ihnen jede Art von Supermacht zuschrieb. Durch ihre Exzentrik zeigten sie uns und liessen uns glauben, dass die Art der Gefühle, die sie erlebten, ebenso aussergewöhnlich waren wie sie selbst. Durch ihre Inszenierung der Supernormalität reissen uns hingegen die heutigen Trendsetter in eine ganze Reihe von Paradoxen: Sie zeigen uns, dass sie, sobald der Vorhang gefallen ist und sie aus ihrem Bühnenkleid geschlüpft sind, Leute wie alle anderen sind, mit normalen Hobbys, mit der einfachen Freude an der Natur, am Sport und am Kochen (es kommt auch gut an, entweder ein Kind oder einen herzigen, kleinen Hund zu haben). Lassen wir die Tatsache durchgehen, dass sie mit ihrer aussergewöhnlichen Beherrschung der Wirklichkeit die meiste Zeit Komplexe in uns hervorrufen (warum herrscht in meiner Küche nie diese sieghafte Heiterkeit, nachdem ich mit meinen Kindern Cookies gebacken habe?). Früher bewunderte der Normalsterbliche oft das Leben ausserhalb der Regeln, das Leben der Stars. Heute streben diejenigen, die auf der Seite der Macht und des Erfolgs stehen, nur eines an: dieser Gemeinschaft von gewöhnlichen Individuen, die Menschheit genannt wird, anzugehören oder es wenigstens vorzugeben. Welcome!
Illustration by Sarah Gasser