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"Wir hatten schon hohe Ambitionen"

Gemäss dem Leitmotiv "Framing Characters" designt VIU Brillen für Charaktere, wie auch Fabrice Aeberhard einer ist. Der Kreativdirektor über den Erfolg des Labels und seine Auffassung von gutem Design.
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Den Markt für Designer-Brillen revolutionieren. Mit keinem geringeren Ziel gründeten die Abgänger der Universität St. Gallen (HSG) Kilian Wagner und Peter Käser, der Optikermeister Dominik Müller und die Designer Christian Kaegi und Fabrice Aeberhard die Brillenmarke VIU. Wie sie damit begannen? Indem sie anfingen, Sonnen- und Korrekturbrillen zu designen, diese in höchstmöglicher Qualität zu produzieren und sie anschliessend online zu einem niedrigen Preis anzubieten – ein echtes Erfolgsmodell. Heute, rund fünfeinhalb Jahre später, hat VIU online wie auch physisch eine starke Präsenz. Momentan finden sich in fünf Ländern – in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Dänemark und Schweden – Flagshipstores des Zürcher Labels, weitere Markteintritte folgen.


Der faire Preis bei gleichzeitig höchster Qualität kann VIU anhand des Direct-to-consumer-Ansatzes anbieten: VIU kontrolliert vom ersten Brillen-Entwurf bis zum Verkauf alles selber und arbeitet ohne Zwischenhändler. Die erheblichen Einsparungen, die damit erreicht werden können, investiert die Marke in Qualität. Diese gründet auf der sorgfältigen Auswahl der Materialien – Titan, Acetat, Stahl und Polyamidstaub – und der Herstellungsbetriebe. So werden etwa die Titan-Brillen auf der japanischen Insel Honshū und die Acetat-Brillen in einem italienischen Familienbetrieb in den Dolomiten von Hand gefertigt. Diesbezüglich hält sich VIU sehr transparent, schliesslich sollen die Kundinnen und Kunden wissen, wofür sie bezahlen.
 

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Das Acetat-Modell "The Fortunate" (links), handgefertigt in einer Traditionsmanufaktur in den italienischen Dolomiten und "The Navigator" (rechts), ebenfalls von Hand hergestellt, aus reinem japanischen Titan.

Die Brillen mit Namen wie The Ambitious oder The Gentle reichen schliesslich von klassischen, zeitlosen Modellen, über charakterstarke mit präzisen Details, bis hin zu solchen mit einem edgy Design und Elementen der aktuellen Mode. Was aber allen Sonnen- und Korrekturbrillen gemeinsam ist, ob nun von VIU alleine oder im Rahmen einer Kollaboration entworfen, ist eine sehr klare Ästhetik. Diese widerspiegelt sich auch dort, wo die Brillen präsentiert werden: im Online-Shop und in den physischen Läden. Verantwortlich für diese unverkennbare Ästhetik ist Fabrice Aeberhard. L’OFFICIEL Schweiz traf den Kreativdirektor von VIU in Zürich.


L’OFFICIEL Schweiz: Das Gründer-Quintett von VIU besteht aus zwei HSG-Abgängern, einem Optiker und zwei Designern. Wie habt ihr euch gefunden?
Fabrice Aeberhard: Durch einen gemeinsamen Freund, der damals mit einer Designerin liiert war. Sie machte uns schlussendlich miteinander bekannt. Denn Kilian und Peter suchten eine Partnerschaft zu Designern, die bereits Erfahrung mit Brillen hatten. Und Christian, mein damaliger Partner bei der Designagentur Aekae, und ich hatten 2010 ein Brillen-Label gegründet, das Sire hiess. Diese Brillen bestanden komplett aus Wasserbüffelhorn und wurden in der Schweiz hergestellt – ein sehr spannendes Produkt, unglaublich hochwertig und exklusiv. So haben wir uns also kennengelernt und irgendwann kam die Idee auf, VIU als Online-Brillenmarke zu vertreiben. Christian und ich sind als Designer aber sehr haptisch und physisch unterwegs und deshalb wollten wir zumindest auch mit Pop-ups arbeiten. So haben wir VIU im Dezember 2013 mit einem Pop-up in Zürich lanciert. Das Ganze kam unglaublich gut an und vier Monate später haben wir bereits unseren ersten Laden an der Zürcher Grüngasse aufgemacht.


Bereits zweieinhalb Monate nach der Gründung war VIU profitabel – war das eine Überraschung?
Wir hatten schon hohe Ambitionen. Aber ich glaube, wenn es am Schluss dann doch aufgeht, ist es immer eine Überraschung.


Wie viele VIU-Läden gibt es im Moment?
Jetzt gerade 47, das verändert sich aber alle zwei Wochen. In diesem Jahr haben wir geplant, zwischen 24 und 27 Läden zu eröffnen. Bis jetzt haben wir fünf davon realisiert und einer der nächsten ist derjenige in London, der sehr spannend wird. Dann in Malmö, Göteborg und noch ein paar in Deutschland – gerade schauen wir uns noch um, wo wir auch noch eröffnen können, ohne den Markt zu übersättigen.


Ein Erfolgsfaktor bei VIU ist die effektive Vereinigung des stationären und des Online-Handels.
Einerseits das und andererseits natürlich auch die perfekte Fusion zwischen Design und Business. Normalerweise sind das zwei Bereiche, die nicht so gut ineinandergreifen. Denn als Designer hat man immer das Gefühl, dass man sich anderweitig verwirklichen müsse. Meine Ambition war aber immer, möglichst viele Leute zu erreichen. Unser Design ist auf der einen Seite sehr charakterstark und widerspiegelt, für was wir stehen. Daneben sind wir jedoch auch sehr funktions- und produktionsangetrieben. Das heisst, für uns ist das Material, die Herstellung und schlussendlich die Hochwertigkeit der Kern von allem, was wir machen – und nicht unbedingt der Versuch etwas Extremes zu gestalten.


Als Kreativdirektor von VIU entwirfst du nicht nur Brillen, sondern den gesamten visuellen Auftritt des Labels, worunter auch die Läden fallen. Welche Vision verfolgst du dabei?
Um einen erfolgreichen Brand aufzubauen braucht es immer eine klare Vision, die sehr konsistent und konsequent umgesetzt wird. Was man bei VIU immer sehr stark spürt – zumindest ist es das, was wir immer wieder als Feedback erhalten – ist, dass sich bei uns ein klarer roten Faden durch alles zieht. Das hat auch mit meiner Persönlichkeit zu tun. Denn ich habe eine sehr klare Vorstellung der Art, wie ich die Produkte und Stores umgesetzt haben möchte. Dabei verfolge ich schlussendlich die Werte, die wir uns von Anfang an gesetzt haben.

Jeder Laden von VIU ist einzigartig, widerspiegelt jedoch gleichzeitig die Ästhetik, die sich durch alle Bereiche des Labels zieht. Hier der Store Basel Spalenberg.
Jeder Laden von VIU ist einzigartig, widerspiegelt jedoch gleichzeitig die Ästhetik, die sich durch alle Bereiche des Labels zieht. Hier der Store Basel Spalenberg.

Was sind das für Werte?
Das sind zumeist englische Worte. Wir haben uns gefragt: Was soll VIU als Brand eigentlich ausdrücken? Das ist clean, pure, honest, transparency, crafted to perfection und distinctiveness - um nur ein paar der Werte zu nennen.


Eure Brillen sind einerseits klassisch, haben andererseits aber immer auch eine moderne, internationale Ästhetik. Woher holst du dir jeweils deine Inspiration?
Die Inspiration ist im Allgemeinen erstaunlicherweise der Alltag. Ich beobachte sehr gerne Leute – wie sie sich verhalten, wie sie miteinander umgehen. Interaktion an sich ist etwas sehr Spannendes. Und bei unserem Wachstum, den wir in den letzten fünfeinhalb Jahren hatten, war das Spannendste eigentlich immer die Interaktion mit Kreativen und Machern aus verschiedensten Städten, in denen wir uns auch positionieren – dadurch lernen wir die Welt etwas anders kennen.


Du hast ursprünglich Industriedesign studiert, neben deiner Tätigkeit bei VIU bist du Teil des Zürcher Taschenlabels Qwstion. Was interessiert dich am Design alltäglicher Dinge?
Mich interessieren diejenigen Dinge, die man selber braucht und das sind meist funktionale Objekte. Brillen und Taschen an sich sind zugänglich, jeder kann etwas damit anfangen. Daneben bin ich auch bei Soeder, ein Label das hochnatürliche Seife und Alltagsprodukte – meist in der Schweiz, zumindest in Europa – produziert. Bei all diesen Labels versuchen wir nicht Marketinggeschichten aufzubauen, sondern möglichst auf höchstem Niveau Produkte für den Alltag herzustellen. Ich vergleiche das gerne mit dem Begriff true values. Eigene Produkte herzustellen ist auch einfach ein sehr schönes Gebiet. Da steckt das ganze Herzblut, die ganze Passion drin.


In Bezug auf VIU sind die Brillen der Archetypes-Kollektion besonders interessant. Durch 3D-Druck hergestellt, können sie individuell gefertigt werden. Kann man in der näheren Zukunft weitere Innovationen erwarten?
In Bezug auf 3D-Druck ist Customizing ist ein sehr grosses Thema, das wir momentan weiter konzipieren und umsetzten. Bald werden die ersten drei bis vier Testläden in München, Wien und Zürich mit Gesichts-Scannern ausgestattet. Die Absicht hinter den Scannern ist eine sehr schöne; es geht darum, Produkte zu schaffen, die sehr individuell umgesetzt werden können. Dabei kann man aus einer vorbereiteten Palette die Farbe aussuchen, die Brille innen beschriftet und die Form komplett adaptieren lassen – eine spannende Geschichte. Gerade erst haben wir auch noch ein paar Konzepte entwickelt, so dass man in baldiger Zukunft auch Materialien einmischen, also den 3D-Druck mit Titan oder Edelstahl verbinden kann.


VIU geht immer wieder auch spannende Kollaborationen ein. Wie findet ihr eure Partner?
Manchmal kommen sie auf uns zu, manchmal gehen wir auf sie zu. Schlussendlich sind es jeweils likeminded people mit ähnlichen Werten, wie zum Beispiel jüngst das Team von Closed. Kollaborationen können aber auch sehr einseitig sein, daher muss immer die Frage gestellt werden, wie man miteinander zum Ziel kommt und die jeweiligen Visionen vereinen kann. Beispielweise mit Closed hatten wir eine sehr aktive Auseinandersetzung mit einem unglaublich schönen Resultat.


Und über alle Kollektionen hinweg: welches ist dein liebstes VIU-Brillenmodell und wieso?
Das ist eine schwierige Frage aber ich würde The Fierce und The Savage nennen wollen. Das sind zwei sehr schöne Modelle, die sich klar durch die Geometrie auszeichnen, die sie mit sich bringen. Und aus einem Basismaterial wie Acetat etwas Besonderes herauszuholen, ein schönes Objekt zu fertigen und das skulptural anzugehen, das finde ich sehr spannend.

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Wie auch alle anderen Brillen der Archetypes-Kollektion wird "The Sage" (links) durch den äusserst nachhaltigen 3D-Druck gefertigt. "The Savage" (rechts) ist eines von Aeberhards liebsten Modellen.

shopviu.com



Image Credits:
SANDRA KENNEL

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