Sich Gutes tun
Es gibt eine inzwischen unüberschaubare Anzahl amerikanischer Websites, die sich der Wellness, dem Klatsch oder sogar der Politik widmen und uns tagtäglich ans Herz legen, Self-Care zu praktizieren – hinzu kommen noch Konzepte wie Selbstschutz, Selbstmitgefühl, Selbstbewusstsein und natürlich Selbstliebe. Man erläutert uns die besten Celebrity-Tipps, mit denen wir das schaffen und uns selbst ein wenig Nachsicht gönnen... Ist das wachsende Bedürfnis nach mehr Achtsamkeit sich selbst gegenüber womöglich ein weiteres Indiz, dass die Welt schwierige Zeiten durchmacht? Dass es schwerfällt, sich in einer Leistungsgesellschaft wohlzufühlen?
Natürlich hat Amerika schon seit Langem seine Wellness-Hohepriesterinnen. Oprah Winfrey elektrisiert die Massen mit ihren emotionalen, kathartischen Talkshows und ihren Reden zur Selbsthilfe. Gwyneth Paltrow hat es mit Goop zu einem Vermögen von 250 Millionen Dollar gebracht. Sie bietet eine Mischung aus seriösen, aber auch völlig aus der Luft gegriffenen Ratschlägen sowie kalifornischen Trendphänomenen, darunter Kristalle mit besonderen Kräften, vaginale Dampfbäder, Kräuter gegen schlechte Schwingungen und Nahrungsergänzungsmittel mit unaussprechlichen Namen. Lange Zeit vor ihr hatte ihre Kollegin Madonna bereits ausgiebig erklärt, dass sie ihre unglaublich gute Form dem Ashtanga-Yoga, der makrobiotischen Ernährung und den Kabbalastudien verdanke.
Wellness ist schon seit geraumer Zeit allgegenwärtig: Yoga in allen möglichen Spielarten, Achtsamkeit, WholeFoods-Supermärkte, Antioxidantien, Meditation und Saftkuren ... Doch plötzlich, Ende 2016, googeln die Amerikaner einige Tage lang panisch den Begriff "self care" – wie man sich selbst etwas Gutes tut. Das war zwischen dem 8. und dem 16. November, in der Woche nach Trumps Wahlsieg. Inzwischen haben die Amerikaner noch genauso viel Bedarf an Self-Care, und der Rest der Welt ebenfalls. Fitnessclubs haben neu Meditationssitzungen oder therapeutische Angebote im Programm, die Beauty-Industrie ist schnell auf den Trend aufgesprungen: Es werden neue Produkte entwickelt, die Momente der Entspannung bringen sollen, oder es wird betont, wie wichtig es sei, sich eine Freude zu machen und Zeit für sich selbst zu nehmen. Als Apple letzten Dezember die Liste der beliebtesten Apps 2018 veröffentlichte, lag laut eigenen Angaben das Thema Self-Care ganz vorne, etwa Tools zur Förderung positiver Einstellungen und Gewohnheiten, zur Meditationsbegleitung, zum Überwinden einer Trennung, um an einem Kurs in Verhaltenstherapie teilzunehmen, oder einfach dafür, unter dem Hashtag #selfcare seine innere Ruhe zu finden.
Denn es gibt vielerlei Wege, sich etwas Gutes zu tun, und die sollten sicher nicht nur aus Unterhaltungsmarketing bestehen. Wie es die Schauspielerin Viola Davis in einem sehr beliebten Instagram-Post sagte: Es geht darum, das zu finden, was unseren individuellen Bedürfnissen entspricht. Bei Self-Care handelt es sich im Grunde darum, sein körperliches und geistiges Wohlergehen selbst in die Hand zu nehmen. Das Konzept hat eine lange Tradition, die unbedingt erst verstanden sein will, bevor man es bei sich oder anderen praktiziert. In den Vereinigten Staaten wurde der Begriff zunächst als Werkzeug der Unterdrückung eingesetzt und bedeutete, dass Frauen oder freigelassene Sklaven nicht in der Lage waren, sich um sich selbst zu kümmern, und daher keine vollwertigen Bürger waren. Im 20. Jahrhundert übernahmen Mediziner den Begriff, wenn sie feststellten, dass Menschen im Alter oder wegen geistiger Erkrankungen Schwierigkeiten hatten, alltägliche Herausforderungen zu bewältigen. Doch die Bedeutung von Self-Care im heutigen Sinn ist eigentlich in der Zeit des Kampfes um die Bürgerrechte und Gleichberechtigung der Geschlechter entstanden. Nachdem Afroamerikaner und Frauen lange Zeit kleingehalten worden waren, wehrten sie sich gegen die Unterdrückung und machten ihr Recht auf ein gutes Leben geltend. Self-Care wurde für die Aktivisten zu einer Möglichkeit, sich von den erlittenen Angriffen zu erholen und ihre Leiden zu lindern. Die Autorin Audre Lorde fasste es als Erste in Worte: "Auf mich zu achten, ist nicht Selbstverwöhnung, sondern Selbstschutz, und das ist ein Akt des politischen Kampfes." Zwar erklärte auch Michel Foucault in den Siebzigern in seinem Werk "Die Sorge um sich", es sei unerlässlich, sich selbst Sorge zu tragen, bevor man das bei jemand anderem tun könne, ganz wie in der Vorstellung der griechischen Denker. Doch der momentane Trend beruht eher auf dem radikalen Konzept. In unserer Gesellschaft, insbesondere bei den Frauen, von denen noch immer erwartet wird, dass sie für das Wohlbefinden aller anderen zuständig sind, bleibt Self-Care eine Waffe, ein Mittel, um auf eine Zeit der gesellschaftlichen und politischen Instabilität zu reagieren.
Das Entscheidende ist, sich selbst zu kennen, um das zu vermeiden, was wehtut, und eine zufriedenstellende Routine für seine Gesundheit, seinen Körper und seinen Geist zu entwickeln. Es gibt viele verschiedene Praktiken, doch oft ähneln sich die Ratschläge, mithilfe derer man sich von allem, was toxisch sein könnte, distanzieren kann.
Tipps*
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Meditieren oder zehn Minuten täglich Atemübungen machen.
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Sich eine gesündere Ernährungsweise mit mehr pflanzlicher Kost angewöhnen.
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Ganz im gegenwärtigen Moment leben.
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Sich aus den sozialen Netzwerken und ganz allgemein von seinem Smartphone fernhalten.
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Die Nähe zur Natur suchen.
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Anfangen, seine Gedanken in einem Tagebuch niederzuschreiben.
- Sich eine Massage, eine Behandlung im Spa oder einfach zuhause ein Bad und eine Maske gönnen.
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Sich mit Menschen umgeben, die einem guttun.
*Und natürlich nicht die Prämisse aus den Augen verlieren: Es geht nicht einfach darum, sich selbst zu verwöhnen, sondern eher darum, zur Ruhe zu finden. Denn heute besteht eher das Risiko, dass das Konzept seinen Sinn verliert und seine Handlungsanweisungen sich in Schuldgefühle und ein negatives Selbstbild verwandeln. Und genau an diesem Punkt kommt der Unterschied zwischen Self-Care und Self-Love zum Tragen. Abgesehen von den konkreten Massnahmen, die wir zu unserem Selbstschutz und sogar unserer Selbstheilung ergreifen können, ist es wichtig, uns zuerst auf emotionaler Ebene selbst Sorge zu tragen und zu lernen, uns selbst zu lieben. Sich akzeptieren und vergeben, auf die Stimme des inneren Kindes hören, das sich oft zurückgewiesen fühlt, und dem Perfektionismus entfliehen, der uns dazu verleitet, uns selbst zu hart zu beurteilen. Wenn in dieser Welt so viel von Wohlwollen die Rede ist, wieso haben wir dann so herzlich wenig für uns selbst übrig? Wie wäre es, wenn die Toleranz sich nicht nur auf die anderen bezieht? Unser Wert hängt nicht von unserem Job, unserer Figur oder unserem Lebensstil ab, er wurzelt in unserer eigenen Person, mit all ihren Unvollkommenheiten. Wenn Self-Care bedeutet, sich selbst Sorge zu tragen, dann heisst Self-Love, sich zu akzeptieren. Das kann bedeuten, seine Waage wegzuwerfen, sich nicht ständig zu vergleichen oder selbst zu geisseln. Dieses Ansich-Arbeiten geschieht oft auf dem Weg der Psychotherapie – und dauert das ganze Leben an. Es bedeutet, sich ungeniert selbst zu lieben, während Self-Care bedeutet, sich Zeit zu nehmen, um sich wohlzufühlen. Das sind zwei unterschiedliche Dinge, aber beide sind für ein erfülltes Leben unverzichtbar.
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