Ewige Flucht
Der Schmollmund, das Gesicht, die dunkle, sanfte Ausstrahlung, der Blick halb trotzig, halb wie ein geschlagener Hund unter der Masse ihres Haars: Kann man von einem Gesicht sagen, dass es seltsam daherkommt? Das von Maria Schneider wirkt genau so, etwas darin passt nicht. Ihr wurde ein riesiges Geschenk gemacht, die Erfüllung ihrer Kindheitsträume: eine schöne und begehrenswerte Schauspielerin zu werden, mit den grössten Stars zu arbeiten, sogar zur Avantgarde zu gehören. Doch aus dem schleifenverzierten Päckchen sprang ihr ein hässlicher Clown ins Gesicht. Das verwöhnte kleine Mädchen darf sich nicht beklagen. Also schmollt sie. Schlechter Witz. Tragisch.
Seit bereits sieben Jahren ist Maria Schneider tot, im Februar 2011 starb sie an einem Lungentumor. Da sagen sicher viele: «Ach? Ich dachte, das wäre schon länger her.» Die 58-jährige Schauspielerin war so unauffällig geworden, wie sie früher laut war, doch die Nachrufe bezogen sich durchwegs auf die Glanzzeiten in ihren Zwanzigern. Für die ganze Welt schien Maria Schneider immer noch die faszinierende Gestalt zu sein, die 1972 in «Der letzte Tango von Paris» von Bernardo Bertolucci unter dem Pont de Bir-Hakeim den Blick von Marlon Brando auf sich zieht, dann achtundvierzig Stunden mit ihm in einer grossen, leeren Wohnung verbringt, um körperliche Liebe ohne Grenzen zu erleben, in der Badewanne, auf dem Bett, auf dem Boden, die Beine verschlungen auf dem gewachsten Parkett, nackt von hinten, nackt von vorn und der Seite, nackt hingestreckt. Sogar der hervorragende Film «Beruf: Reporter» von Michelangelo Antonioni drei Jahre später konnte diesen Skandalkörper nicht ausreichend rehabilitieren. Die Zeitung «Libération» titelte 2011 «Maria Schneider, der letzte Tanz» und zeigte sie barbusig auf der ersten Seite.
Vanessa Schneider, die vor ihrem Wechsel zu «Le Monde» jahrelang bei dieser Zeitung gearbeitet hatte, hat ihnen das nicht vergeben. Jetzt legt sie ihr Buch «Tu t’appelais Maria Schneider» («Dein Name war Maria Schneider») vor. Für sie war Maria eine ganz andere Gestalt: die bewunderte, siebzehn Jahre ältere Cousine, zu der sie eine rote Sammelmappe mit Zeitungsausschnitten anlegte. «Ich denke mir unwillkürlich, dass die Geschichte dieser Mappe so ist wie du: ein abwechselndes Inerscheinungtreten und Verschwinden», schreibt sie. «Sie fasst dich zusammen, überbordend und lückenhaft, ungreifbar und doch so präsent. Weil es die rote Mappe nicht mehr gibt, musste ich irgendwann selbst von dir erzählen.» Daraufhin bringt die Journalistin und Romanautorin Vanessa Schneider ihre Reminiszenzen zu Papier, eine Mischung von fiktiven Szenen und echten Erinnerungen, eine kritische Neubewertung der damaligen Presse, auch ein Familienstammbuch, nicht immer ein liebevolles. Für sie war Maria ein «kaputtes, kostbares Familienjuwel, das man ganz unten in einer geheimen Schublade aufbewahrte».
Ihnen beiden gemeinsam ist der Name, Schneider. Ihre Grossmutter, «Violinistin und Alkoholikerin», hatte sieben Kinder von vier verschiedenen Vätern, die alle unter dem Familiennamen ihres Mannes aufwuchsen. Im Lauf der Jahre sollte dann jedes herausfinden, ob es ein echter Schneider war oder nicht. Vanessas Vater Michel Schneider ist ein unechter. Seine ebenfalls «unechte» Schwester Marie-Christine wird mit 15 Jahren schwanger, bringt zuerst einen Jungen zur Welt, dann Maria, dann einen zweiten Jungen. Von Marie-Christine spricht Vanessa Schneider nicht viel, sei es aus Vorsicht oder Feingefühl. «Deine Mutter liebt dich kaum», ist ihr Fazit. Marias Mutter verschweigt ihr nie, dass Daniel Gélin, «der berühmte Schauspieler, der in Amerika gedreht hat», ihr Vater ist. Er ist verheiratet und erkennt sein Kind nicht an – noch so ein Dorn am ohnehin komplizierten Familienstammbaum. Maria wächst bis zum Alter von zehn Jahren als Pflegekind auf und wird mit fünfzehn von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt: «Es wird gemunkelt, deine Mutter hätte deinen Stiefvater in deinem Bett erwischt», schreibt Vanessa Schneider nüchtern. Daraufhin zieht die junge Maria zu ihrem nur zwölf Jahre älteren Onkel Michel, der noch studiert, aber schon verheiratet ist.
Schützling von B.B., Delon und Jean Seberg
Diese Zeit hat Vanessa nicht miterlebt, kann sie sich also nur vorstellen. Mit 15 kommt Maria eines Tages «mit roten Wangen» nach Hause: «Ihr kommt nie darauf, was ich heute gemacht habe!» Sie hat an der Tür von Daniel Gélin geklingelt, der sie freundlich empfangen hat. Sie begleitet ihn zu Dreharbeiten, wird zur Nachtschwärmerin, tanzt mit ihm im Club Castel, begegnet Jean-Pierre Léaud und Bulle Ogier. Doch bald muss Maria wieder umziehen, um ein Zimmer freizumachen: Ein Baby ist unterwegs. «Das war ich», schreibt Vanessa Schneider. «Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte höre, habe ich das unangenehme Gefühl, dich verjagt zu haben.»
Die neue Adresse von Maria Schneider erregt ein gewisses Aufsehen: Sie wohnt bei Brigitte Bardot, die während der Dreharbeiten zu «Les femmes» (1969) von Jean Aurel Zuneigung zu ihr gefasst hat – Maria war Statistin. So kommt sie auf einmal quasi unter die Patenschaft des Sexsymbols und lebt bis 1973 bei Bardot, bis diese sich nach Saint-Tropez zurückzieht. In dieser Zeit stellt Daniel Gélin ihr Alain Delon vor, der sie «wie eine kleine Schwester» liebt und ihr mit 17 ihre erste Mini-Rolle verschafft. Auch ohne solide Familienbande zieht Maria Schneider die Zuneigung starker, verletzlicher Persönlichkeiten auf sich, die sich in ihr zu erkennen glauben. Am Tag der Vorführung von «Der letzte Tango von Paris» 1972, als für sie der Skandal beginnt, nimmt Jean Seberg sie lang in die Arme. Patti Smith schreibt ihr einen Song. An ihrer Beerdigung liest Alain Delon einen Brief von Brigitte Bardot vor, die ihr all die Jahre die Freundschaft gehalten und die Beerdigungskosten übernommen hat. «Deine Mutter ist nicht da», schreibt Vanessa Schneider. «Sie hat ausrichten lassen, sie sei zu erschöpft.»
So nah sie ihrem Sujet auch ist, Vanessa Schneider stösst auf dasselbe Problem wie alle – ob Feministinnen oder Filmfans, ob Vulgäre und Feinfühlige: Es führt kein Weg an jener Szene in «Tango» vorbei, in der Marlon Brando sich mit ganzem Gewicht auf sie legt und sie mit Gewalt von hinten nimmt. Vanessa Schneider erinnert sich, wie eines Tages in der Schule ein Kind laut spottete: «Gib mir mal die Butter.» Als kleines Mädchen verstand sie es noch nicht. Heute zieht sie die Bilanz dieser dunklen Geschichte, nachdem Bertolucci sie 2013 im niederländischen Fernsehen näher erläutert hat. Er und Brando hätten an jenem Morgen das obszöne Detail mit der Butter als Gleitmittel abgesprochen, ohne Maria einzuweihen. Was er sagt, ist schrecklich: «Ich wollte, dass sie wie ein Mädchen reagiert, nicht wie eine Schauspielerin. Ich wollte, dass sie sich gedemütigt fühlt.» Dann fügt er hinzu: «Ich fühle mich schuldig, aber ich bereue es nicht.»
Mein Vater, der Junkie
Maria Schneider war 19, als dieser Film zu ihrer «Bürde» wird. Ab diesem Punkt beschreibt Vanessa das Leben von Maria Schneider in Skizzen. Was gibt es schliesslich noch zu sagen, wenn der Begriff «Drogen» einmal gefallen ist? «Maria ist da, Maria ist nicht da.» Die kleine Cousine weiss darüber kaum mehr als die damaligen Zeitungen. In Rom lässt sich Maria 1975 aus Protest in ein psychiatrisches Krankenhaus einliefern, weil ihre Geliebte Joan Townsend eingesperrt ist. Sie schläft im Flugzeug mit Bob Dylan. «Ich habe sieben Jahre meines Lebens verloren», sollte Maria Schneider später sagen. Mit sieben oder acht Jahren bekommt Vanessa mit, wie ihre Cousine hektisch nach Hause kommt, abrupt einschläft, sich im Wohnzimmer einen Schuss setzt, in eine weit entfernte Stadt fährt, zornig zurückkehrt, wie ihr regelmässig all ihr Geld gestohlen wird, «das Geld, das ihr in der Tasche brannte».
In diese Jahre des Ruhms und der Highs fällt die unwürdige Rückkehr von Marias Vater. Daniel Gélin bringt einen Gedichtband heraus und bittet sie, bei der Buchvorstellung mit anwesend zu sein. Das Publikum drängelt sich, um die Sensation selbst zu sehen. Was gibt es Traurigeres als diesen Vater, der vom Ruhm seiner Tochter profitiert? Vanessa Schneiders Spitzen sind nicht zahlreich, aber scharf. «Heroin ist allgegenwärtig. Daniel ist abhängig. Im gutbürgerlichen Appartement des grossen Schauspielers wird es konsumiert.» Fiona Gélin rutscht ebenfalls mit hinein, ihr Abstieg ist ähnlich geartet wie der ihrer Halbschwester. «Wie ich, nur schlimmer», sagte Maria.
Natürlich gibt es weitere Filme. Im Jahr 1975 dreht sie mit Antonioni «Beruf: Reporter», der ihr Lieblingsfilm bleiben sollte. Eine Allegorie auf die Flucht, den Versuch zu verschwinden, der mit dem Leben bezahlt wird. Dort erscheint und verschwindet sie in einer langen Kamerafahrt, die Kinogeschichte schreiben sollte. Von Weitem gefilmt erscheint sie wie eine andere Gestalt mit einem entschlossenen, beinahe virilen Gang. 1979 spielt sie in «La Dérobade» mit Miou-Miou von Daniel Duval eine Prostituierte. Der Kinohit löst bei ihr auch die Entscheidung aus, von da an alle Nacktrollen abzulehnen. Im Jahr 1981 lässt Jacques Rivette sie in «Merry-Go-Round» Karussell fahren und gibt ihr bei der Wahl ihres Filmpartners freie Hand. Sie wählt Joe d’Alessandro. Auch er lief Gefahr, auf seinen spektakulären Körper reduziert zu werden, nachdem er in seinem Debüt von Paul Morrissey und Andy Warhol nackt zu sehen war. Dann sieht man einige Jahre lang nichts von ihr, bis sie wieder einige kurze Auftritte hat, etwa in «Bunker Palace Hôtel» (1989) von Enki Bilal, «Les Nuits fauves» (1989) von Cyril Collard, in Bertrand Bliers «Les Acteurs» (2000) oder «Cliente» (2008) von Josiane Balasko. Nichts davon hinterlässt einen so starken Eindruck wie ihr glanzvolles Debüt.
Doch über das Kino wurde Maria Schneider zu selten befragt, obwohl sie viel zu sagen gehabt hätte. In «Sois belle et tais-toi» (1981), einem kämpferischen Film von Delphine Seyrig, bekennt sie: «Ich bekomme nur Rollen als Schizophrene, Verrückte oder Lesbe angeboten, auf die ich keine Lust habe (...) Die Produzenten sind Männer, die Techniker sind Männer, die Regie wird grösstenteils von Männern gemacht.» Ihre Frechheit, ihre Erinnerungen an Filmdrehs, die Gründe für ihre Entscheidungen gehen mit ihr verloren.
In einem Interview für die TV-Sendung «Cinéma Cinémas» im Januar 1983 stellt sie der Journalistin in ihrer schönen, ernsten Stimme eine Gegenfrage: «Wenn man Schicksale wie das von Romy [Schneider, A.d.R.] sieht, kommt man doch ins Grübeln, oder?» Sie spricht ausserdem von einem männerdominierten Metier und sagt, sie lehne viele Angebote ab, weil es wenig ernst zu nehmende Frauenrollen gebe: «Man lässt die Frau nur in Bezug auf einen Mann existieren, in Bezug auf ein Paar.» Und als die Journalistin «Tango» erwähnt, legt die Schauspielerin die Hände wie im Gebet zusammen: «Oh nein! ‹Beruf: Reporter›, alles was du willst, aber nicht ‹Tango›. Er soll wohl wieder gezeigt werden, das wird schwer genug.» Und die andere entgegnet kühl: «Du schaffst es nicht, zwischen der Wirkung des Films und deinen eigenen Erlebnissen zu trennen?»
Eine erzkonservative Einstellung
Für ölverseuchte Vögel und schwierige Junkies kann man nie genug tun. Nachdem Maria jahrelang bei ihm gewohnt hatte, hört Vanessa Schneiders Vater von einer neuen Therapie und lässt sie einweisen. Maria ist ihm deswegen sehr böse und Vanessa trifft sie erst Jahre später wieder. Michel ist damals Psychoanalytiker und Politiker, doch er hat seinen grossartigen Roman über eine andere unglückliche Schauspielerin – «Marilyn, dernières séances» – noch nicht geschrieben, noch hat er sich gegen künstliche Befruchtung für homosexuelle Paare ausgesprochen, wie es dann 2013 der Fall war. «Nicht wir haben dich gerettet, Maria. Keiner von denen, die dich hätten schützen und für dich sorgen sollen, konnte es oder wusste, wie.» Eine junge Frau, A., hilft Maria beim Entzug, indem sie sie mit nach Brasilien nimmt und die nächsten dreissig Jahre ihre Lebensgefährtin bleibt. «Du ersetzt die Spritzen mit einem wahnsinnigen Konsum an Joints. Später sind es Rotwein und Zigaretten, ständig Zigaretten und nochmals Zigaretten.»
Vanessa Schneider spricht über einen weiteren bisher unbekannten Teil von Marias Leben: Sie, das Symbol einer rebellischen Zeit, hatte persönlich erzkonservative Ansichten. «Wie so viele, die mit unklaren Regeln aufgewachsen sind, hast du die etablierte Ordnung hartnäckig verteidigt», schreibt sie. «Du hast dich über schmutzige Strassen beklagt, die Studentendemos haben dir missfallen, du hast die Arbeit der Polizei verteidigt, du hast gern die Vergangenheit verklärt, du warst für die strikte Anwendung der Gesetze.» Gegen den Fluch von «Tango» hatte sie sich schliesslich in den Humor geflüchtet. «Ich koche nur mit Olivenöl», pflegte Maria zu sagen. Am Ende kommen nach und nach alle Freunde zu Besuch in ihr Zimmer und bringen Champagner.
Vanessa Schneiders Buch ist nicht nur eine liebevolle Hommage, es umreisst auch ein Zeitgefühl, in dem man lässig an der Zigarette ziehend ein junges Mädchen auf dem Altar der Kunst opfern konnte. Die Journalistin schildert auf treffende, bissige Weise, wie sich die Achtziger von dieser gefährlichen Freiheit der Siebziger abwandten und Maria Schneider durch Isabelle Huppert ersetzten – «ein zartes, ebenmässiges Gesicht, zierlich, durch und durch französisch».
Soll man Maria Schneider bewundern oder bemitleiden? Ist sie Rebellin oder Opfer? Wir schreiben das Jahr 2018, die #MeToo-Debatte hat stattgefunden, das Bewusstsein hat sich geändert, und Rebellin und Opfer schliessen sich nicht mehr aus. Maria war allen voraus, nur hat niemand auf sie gehört. Sie ist den Fesseln mehrmals entkommen, doch am Ende haben sie sie immer wieder eingeholt. Zumindest bekam sie nicht den Stempel «emanzipierte Frau» aufgedrückt, dessen inflationärer Gebrauch in den letzten Jahren mit Sicherheit umgekehrt proportional zu unserem echten Leben ist. Emanzipiert wovon? Freiheit ist eine Flucht, Freiheit ist gefährlich.
Vanessa Schneider: «Tu t’appelais Maria Schneider», Grasset, 2018.
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