Das grosse Entblättern
Haargenau drei Minuten, sich anzukleiden, keine Zeit für einen prüfenden Blick oder zum Umziehen. Natürlich kennen Sie das. Was leitet unsere instinktiven Entscheidungen in solchen Momenten? Ein bestimmtes Selbstbild, körperlich wie geistig, das uns genehm erscheint und den bevorstehenden Situationen angemessen ist. Als gute Hypochonderin hielt ich es für notwendig, «präsentabel» zu sein, als ich mich auf den Weg ins Spital machte, und zwar in jeder Beziehung, so als könnte ein respektables Outfit die Krankheit, das Leiden und den Tod auf Distanz halten. Früher hätte man gesagt, ich lege mein Sonntagskleid an. Eingehüllt in eine bestimmte Vorstellung von Tugend und Würde, in die sich unbewusst ein Beigeschmack von Sonntagsmesse mischte – von der Vorstellung, was eine «Dame» ist – und insbesondere eine «Mutter», denn ich wollte zu meinem Sohn, um ihn abzuholen. Von dieser Spielart des Unbewussten geleitet, griff meine Hand an diesem Tag nach Kleidung, die ich sonst nie trage. Ein kniebedeckender Wollrock, gestrickt von einer alten italienischen Dame, ein dunkelblauer Pullover, genau richtig für den Katechismus, hochhackige Stiefeletten und ein grosser Mantel, der dem Ganzen einen bürgerlichen Touch verleihen sollte. Meryl Streep in «The Devil Wears Prada» – der Inbegriff der steifen, frostigen Uptown-Chefin, angesichts dessen sich die echte Anna Wintour wohl an ihrem Steak verschluckte – hätte es nicht schlimmer machen können. Vor allem der Rock drückte eine ästhetische Dissonanz ebenso wie eine Art Schuldgefühl aus: Weil ich ihn irgendwann gekauft hatte, ihn aber nie gern trug, musste ich für diese Sünde unbedingt Busse tun. Natürlich genau dann, als ich meinen Sohn aus dem Spital abholte, wo er ein paar Tage verbracht hatte, in dem Moment, als meine Unruhe und mein Schuldgefühl als Mutter mir keine Ruhe liessen. Welche Bedeutung hat die Kleiderwahl, wenn es um Themen wie Spital oder Gesundheit geht? Keine natürlich, absolut keine. Genau deswegen ist es interessant, sie in diesem Zusammenhang zu erwähnen: weil das, was sich hier abspielt, Ausdruck von etwas Unbewusstem ist, das mit Mode nicht viel zu tun hat, sondern viel eher mit Moral. Einer meiner Freunde, ein Ästhet ersten Ranges, ebenso bekannt für seinen freimütigen Ton wie für seine religiöse Erziehung, hat mir irgendwann einmal gestanden, dass er sich eine ganze Woche lang gezwungen hat, an jedem Tag einen Anzug zu tragen, den er irgendwann gekauft hatte und hasste. Damit der Anzug sich bezahlt macht, als Selbstbestrafung, um sich zu überzeugen, dass der Impuls, der einen zum Kauf bewogen hat, irgendwo im Inneren noch lebendig ist, dass es genügt, diesen Impuls aus dem Grab zu holen, damit er wieder nachvollziehbar ist?
Aber zurück zum Thema. An diesem Tag, auf dem Weg zum Spital, treffe ich meinen Freund, Kompagnon und Ästheten ersten Ranges. Küsschen, Küsschen, big hug, Umarmungen ohne Ende, beseeltes Lächeln, als ob die Vorsehung, die es sonst nur in Woody-Allen-Filmen gibt, uns an diesem grauen Tag übermannt hätte, an dem doch eigentlich gar nichts auf diese Begegnung hindeutete. «Du siehst aber gut aus!» «Nein, du!» «Nein, du!» Die orientalische Verve unserer Zuneigung ergreift uns mit ihrem ganzen euphorischen Schwung. Ich sehe genau, dass er mich mit einem seltsamen Blick von Kopf bis Fuss mustert, ein wenig erstaunt, mich so unbeholfen aufgebrezelt zu sehen, zutiefst enttäuscht, dass mir schlechter Geschmack nicht erspart bleibt. Über die Gewogenheit, die er mir in eigenartiger, blinder Weise entgegenbrachte, senkte sich plötzlich der grosse Mantel der gewöhnlichen Banalität, deprimierend in ihrer unauflösbaren Hartnäckigkeit. Natürlich hängt seine Zuneigung zu mir in keinster Weise von solchen Überlegungen ab. Doch eigentlich hoffen wir, dass der eine im anderen eine immer wieder neue Quelle des ästhetischen Entzückens findet, eine Zuflucht für die Fantasie, die davon nicht unberührt bleibt. Wie ein Echo auf meine eigene Dissonanz, eingehüllt in Kleider und ein Selbstbild, die eigentlich hier und jetzt nichts mehr mit mir zu tun hatten. Es hätte mir genügt, ein einziges Outfit in meinem Schrank zu haben, das die Person widerspiegelt, die ich heute bin. Und alles Restliche: raus. Immer weg damit. Es darf sich zu den beerdigten Schichten gesellen, mit denen ich mich zu der machen konnte, die ich heute bin – und von der ich mich über kurz oder lang ebenfalls verabschieden werde.
Wenn ich Ihnen heute von diesem Erlebnis erzähle, dann deswegen, weil es schon Frühling ist, wenn Sie diese Zeilen lesen. Die Wiedergeburt, die zarten Grünschattierungen um Sie herum, der Heuschnupfen und der sich langsam einstellende Gedanke, mit blossen Beinen hinauszugehen. Es ist so weit, der Frühling ist da! Beim Verfassen dieser Zeilen ist mein Kopf übervoll mit Artikeln über gute Vorsätze, Frühjahrs-Detox, radikales Aufräumen im Schrank und – wenn schon, denn schon – in jeder Ecke des Lebens, während Marie Kondo auf Netflix ihre Serie «Aufräumen mit Marie Kondo» präsentiert. Wir leben in einer Gesellschaft, deren gigantisches Paradox in einem immerwährenden Zyklus aus Konsum und Wegwerfen besteht – wobei diese beiden Pole sich endlos gegenseitig aufrechterhalten. Die natürlichen Ressourcen der Erde, die sich dem Ende zuneigen, ohne dass jemand diese Flucht nach vorn stoppen könnte, stellen dabei die einzige, längst überschrittene Grenze dar. Konsumieren, um unweigerlich gezwungen zu sein, wegzuwerfen, weil wir sonst ersticken. Und wegwerfen, um wieder besser konsumieren zu können. Instagram-Queens wie die immer tadellos frisierte Marie Kondo haben sich diesen Prozess in perfekter Weise zu eigen gemacht. Wiederaufgenommen als ästhetisches Genre, präsentiert sich die interstellare Leere der entschlackten Zukunft so glatt wie ein Penaten-Babypopo, in unerbittlichem Weiss oder Pastell, umstrahlt von einer hellen Aura, die uns beinahe glauben macht, dass man nur das Überflüssige loswerden muss, um zur Ekstase zu gelangen. Die Glückseligkeit in Reichweite des Mülleimers. Die Offenbarung am Ende des Staubwedels. Puh! Ein frommer Wunsch, und schon haben wir uns von der Last der Existenz befreit, die im Grunde nur auf unserem unsortierten, schlecht aufgeräumten Kleiderberg beruht. Das ist so schön wie ein Kipplastwagen, so simpel wie ein Spruch auf einem Kaffeebecher aus dem Museumsshop. Da ich von Natur aus treu und nostalgisch bin, empfand ich den Gedanken, mich von Dingen und Menschen zu verabschieden, sobald sie nicht mehr nach meinem Geschmack sind, lange Zeit als abschreckend. Ich bin kein Messie, aber ich gehe vom Prinzip aus, dass alles Verblasste einen unendlich grösseren Charme hat als das Neue, und sei es eine Art von Leere (hat Marie Kondo eigentlich «Lob des Schattens» gelesen, eine berühmte ästhetische Abhandlung des Japaners Junichiro Tanizaki?). Was soll man mit den Überresten der Schichten machen, aus denen wir einmal bestanden haben? Ich neige in recht natürlicher Weise dazu, sie in meinem Kleiderschrank und meinem Herzen anzuhäufen. Bereit, sie beim geringsten Anlass, bei der geringsten nostalgischen Anwandlung hervorzuholen. Ach! Aber mir sind die Grenzen dieses Systems bewusst. Leben mit nur diesem einen Outfit, das Sie jeden Tag anziehen möchten? Die Idee klingt märchenhaft. Alles wegzuwerfen, was keinen direkten Nutzen mehr für Sie hat, hier und jetzt – öde Freundinnen, abgelegte Liebhaber, belastende Erinnerungen, verstaubte Leidenschaften –, ist euphorisierend. Es kommt mir so vor, als spiegelten diese manikürten Interieurs in fantastischer Weise vor allem die Ruhe eines Geistes wider, der sich auf diese Art von jeder affektiven Regung befreit, emotional nicht zu erschüttern ist, mit einem halben – nur einem halben – Lächeln auf den Lippen. Die Chakren geöffnet, die Aura gelöst, der Keller vermauert. Überhaupt: Ist das Ziel durch den Kauf eines Coffee Table Books zum Thema Minimalismus nicht schon zur Hälfte erreicht?
Nun sehen Sie langsam das riesige Paradox, in dem ich mich befinde, und den damit verbundenen Betrug. Weil ich unverhältnismässig sensibel gegenüber Bildern bin, jagt mir der schreckliche, keimfreie Konformismus der minimalistischen Fantasiewelt des 21. Jahrhunderts einen kleinen Schauer über den Rücken. Wo ist da Platz für das Chaos, das Barocke, die Unordnung, den Ungehorsam? Ich möchte das Wort einer meiner kürzlichen literarischen Entdeckungen überlassen. Mary MacLane, 19, schrieb 1902 in ihr persönliches Tagebuch: «Möge ich nur ja niemals zu diesem abnormen, gnadenlosen Tier, dieser missgestalteten Monstrosität werden – einer tugendhaften Frau.» «I Await the Devil’s Coming», dieses wunderbar respektlose Tagebuch, ist der Schrei einer jungen Frau, die fürchtet, dass Langeweile und Konformismus sie austrocknen, die bis zum Ende «exzentrisch» bleibt, die nie aufhören sollte, ihr Glück im Übermass zu suchen. Es scheint mir interessant, festzustellen, wie sehr christliche Heiligenbilder unsere Vorstellungen vom Guten, der Moral und der Hölle geprägt haben. Oben die Reinheit, die Farbe Weiss, die Ordnung, das Licht für alle, die es verdient haben. Unten das ruchlose Durcheinander, wo die Sünder zuhauf einer über dem anderen liegen und wie die Würste am 1. August in der Glut braten. Die Konzepte Ordnung und Unordnung sind auch heute noch so tief wie unbewusst von diesen Moralvorstellungen durchdrungen. Und genau das macht mir das kunterbunte Chaos auf Anhieb viel sympathischer, weil es nicht suggeriert, dass Tugend und ein schön aufgeräumter Stapel Pullis eng miteinander verbunden wären. Es suggeriert auch nicht, dass Tugend eine so glatte, konformistische, enge, langweilige Sache ist, wie unsere von der jüdisch-christlichen Kultur geprägten Vorstellungen uns glauben machen wollen. Aber gleichzeitig muss ich zugeben, dass es etwas zutiefst Beglückendes – und Notwendiges – ist, alles hinauszuwerfen. Also: entrümpeln, ja – aber um Platz wofür zu schaffen? Nochmals ein Abstecher zu einer literarischen Erinnerung. Dieses Buch, das Frauen sich wie ein gut gehütetes Geheimnis empfehlen und schenken. Es verstaubt in den Bibliotheken, und niemand hat es jemals ganz zu lesen geschafft, aber trotzdem ist es grossartig, wenn man sich die Mühe macht, sich (in kleinen Häppchen) hineinzustürzen. «Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte» der Ethno-Psychologin Clarissa Pinkola Estés untersucht und analysiert Volkserzählungen unter dem Blickwinkel der archetypischen Wilden Frau. Eines der grossen Prinzipien, die dem Werk zugrunde liegen, ist das, was sie als «Tod-LebenTod» bezeichnet. Es illustriert diesen unabänderlichen Zyklus der Erde und der menschlichen Natur und erinnert daran, wie wichtig es ist, sterben zu lassen, bevor neue Formen entstehen können. Den Griff zu lösen und loszulassen, damit etwas blühen kann. Ich für meinen Teil träume davon, nicht Platz für Pseudo-New-Age-Getue oder eine latente Konformistin zu schaffen, sondern für ein grosses, glückliches Überquellen, einen Schrei der Aufruhr gegen die etablierte Ordnung und die Erwartungen, Platz für die unbedingte Notwendigkeit, den Dingen und Menschen um mich herum mit einem neugierigen, erfinderischen, geniesserischen, inklusiven, brüderlichen Blick zu begegnen. Und den notwendigen Mut, um der Welt im Rahmen unserer Möglichkeiten diese Wünsche entgegenzubringen, entrümpelt von allem, was Zärtlichkeit, Kraft, Zorn und Beherztheit im Weg steht. O bella, ciao!
Illustration:
ANNA HAAS