Rave unter Palmen
L’OFFICIEL HOMMES Schweiz: Was bewegt dich gerade?
Julian Charrière: Zurzeit baue ich die Infrastruktur für meine erste institutionelle Einzelausstellung auf. Eine Ausstellung im Kontext der Berlinischen Galerie ist natürlich besonders spannend, besonders, weil das Museum einen starken Fokus auf die Berliner Kunstszene legt. Für mich als Ausländer ist das eine Ehre. Das bedeutet, dass man als Berliner Künstler anerkannt wird.
Warum Berlin?
Berlin hat mich schon früh fasziniert. Mit achtzehn bin ich hierhergezogen. Schon während des Kunststudiums an der Universität der Künste habe ich aktiv in der Berliner Kunstszene mitgewirkt und konnte ein breites Netzwerk aufbauen. Die Fabriketage in der Malzfabrik, die ich damals mit anderen Kunststudenten zu einer Werkstatt umbaute, ist noch heute mein Studio. Diese Erfahrung, kombiniert mit der wilden, offenen und grosszügigen Energie der Stadt sorgte dafür, dass ich geblieben bin.
In «An Invitation to Disappear» fusionieren industrielle Monokultur und Rave Culture. Wie passt das zusammen?
Auf einer Exkursion zum Vulkan Tambora in Indonesien wurde ich per Zufall auf die Palmölplantagen aufmerksam – und war fasziniert von der Ambivalenz von Schönheit und Zerstörung. «An Invitation to Disappear» ist eine audiovisuelle Exkursion, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Soundkünstler und Musiker Ed Davenport alias Inland, einem langjährigen Freund. Das Projekt soll ein kollektives Bewusstsein für die Begegnung von Mensch und Natur schaffen. Die Monokulturen in Indonesien sind unmenschliche Anlagen – Orte totaler Zerstörung, die gleichzeitig wie eine Paradiesgarten anmuten. Das starre Raster, in dem die Palmen angeordnet werden, schafft eine eigene ästhetische Rhythmik, einem Rave gleich, wo Menschen in einem Momentum zu einem identischen Rhythmus in Bewegung sind. «An Invitation to Disappear» ist ein Rave sozusagen nur für Palmen. Die Ambivalenz von Zerstörungswut und Schönheit des Schrecklichen ist eine krasse Vision. Keine Ahnung, wie man das nennen könnte. Das schrecklichste achte Weltwunder vielleicht?
Bezeichnest du dich als Aktivist?
Von dieser Terminologie distanziere ich mich stark. Aktivismus ist eine Reduktion. Kunst hingegen ist komplex und sollte sich stets von Kontradiktionen nähren. Mir wird zum Beispiel immer wieder ein zu grosser CO2-Fussabdruck vorgeworfen. Ein Vorwurf, der angesichts der vielen Reisen durchaus Sinn ergibt. Doch meine Arbeit gewinnt dadurch eine komplexere Ebene. Aktivismus ist immer Schwarz gegen Weiss. Ich möchte unbedingt Grau sein.
Lithiumsalz, nuklear verseuchte Bodenpartikel, Schimmelpilze – welche Rolle spielen Materialien in deiner Kunst?
Orte, an denen diese Materialien an die Oberfläche treten, interessieren mich mehr als die Materialien per se. Denn überall dort, wo der Mensch mit seinem Territorium in Konflikt kommt, entstehen Narben, sei es nun in Form eines atomar verseuchten Gebietes oder eben als Monokultur. Bei diesen Narben setze ich an.
Verlaufen Projekte geplant und strukturiert oder zufällig und spontan?
Manche Dinge sind geplant, manche ungeplant, spontan, selbstorganisiert. Ich liebe die Zufallswahrscheinlichkeit bei jedem Projekt. Das Entdecken, das Reisen, der Dialog, das Bewundern – all diese Möglichkeiten des Erlebens sind enorm wichtig und gleichzeitig immer schwieriger zu erfahren. Wir wissen alles, haben Zugang zu allen Informationen. Die Zeitspanne der Bewunderung, falls sie überhaupt noch existiert, ist enorm minimal geworden. Wir sollten wieder lernen, zu bewundern.
Wo findest du Bewunderung?
Ich liebe die Alpen. Sie haben diese Macht, Erhabenheit, Anziehungskraft. Wenn immer nur möglich, bin ich dort. Zudem ist meine Schweizer Repräsentation im Engadin, in der Galerie Tschudi in Zuoz.
Mitten in den Alpen.
Das erlaubt mir, noch öfter in den Schweizer Bergen zu sein. Natürlich ist die Berlinische Galerie auch ganz wichtig!
«As We Used to Float» ist deine allererste Einzelausstellung. Worum gehts?
Die Ausstellung visualisiert die Spuren des ersten Bombentests auf dem Bikini-Atoll, der das geografische Gebiet vor siebzig Jahren unbewohnbar machte. Mit «As We Used to Float» möchte ich einen Dialog über die Abhängigkeit von Mensch und Technik führen. Ein extrem umfangreiches Projekt. Parallel zur Ausstellung erscheinen zwei Bildbände sowie ein Roman. Mein erster Versuch als Autor! Für Berlin ist die Ausstellung vermutlich das Wichtigste. Für mich allerdings ist die Novelle das Bedeutsamste. Sie ist der Schlüssel zur Ausstellung. Für Projekte wie dieses gebe ich mein Herz und Blut.
Image Credits:
An Invitation to Disappear – Tenggarong © JULIAN CHARRIÈRE, VG Bild-Kunst, Bonn, Germany
Julian Charrière © JOHANNES FÖRSTER
An Invitation to Disappear, Film Still © JULIAN CHARRIÈRE, VG Bild-Kunst, Bonn, Germany
Sycamore – First Light, 2016, in der Berlinischen Galerie © JULIAN CHARRIÈRE VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Terminal Beach – Aomen I, 2016 © JULIAN CHARRIÈRE, VG Bild-Kunst, Bonn 2018