Mode Suisse Edition 15 – Ein Rückblick
Am vergangenen Montag traf sich die Schweizer Modebranche erneut anlässlich der Mode Suisse, welche bereits in der 15. Edition stattfand. Die Herbst/Winter 19/20 Kollektionen der teilnehmenden Designerinnen und Designer wurden im Migros Museum für Gegenwartskunst gezeigt. Dies im Rahmen eines runden Konzeptes mit Shows, Showroom und Direktverkauf, umgesetzt vom Team um Yannick Aellen.
Der Laufsteg fand sich zwischen Reihen aus schlichten Stühlen in den industriell-kühlen Räumlichkeiten des Museums, wodurch die Mode allein im Fokus stand. Eröffnet wurde die Show mit dem Erklingen von Fanfaren, gefolgt von Models in den Kreationen von Collective Swallow, dem Duo bestehend aus Anaïs Marti and Ugo Pecoraio. Getreu deren Linie war auch diese Kollektion von Essen inspiriert, wobei sie den Show-Gästen ein für die Schweiz charakteristisches Herbstmenü mit Metzgete, Kürbis und Vermicelles vorsetzten. Dabei entführten sie gleichzeitig in vergangene Kindheitstage, in denen man sich nach einem Sonntagsspaziergang mit der Familie auf die Terrasse oder in die Stube eines typisch schweizerischen Restaurants setzte. Solch eines ist das Restaurant zum Schwälbli, das zwar fiktiv, für Collective Swallow jedoch mit vielen Erinnerungen verknüpftes ist – und ihre Herbst/Winter 19/20 Kollektion entspricht dessen Herbstmenü. Diese Idee setzten sie gekonnt um, ohne die Models in «lustigen Kostümen» über den Laufsteg zu schicken. Vielmehr erinnerten die ultra-coolen Looks hinsichtlich Farben, Texturen und Silhouetten subtil an typische Herbst-Speisen.
Auf Collective Swallow folgten die Bachelor- beziehungsweise Master-Absolventen der HEAD in Genf Bryan Colò und Quinh Bui. Bei Letzterer stand Denim in voluminösen Silhouetten und in Form von übergrosse Taschen und Hüten im Mittelpunkt. Colòs Männermode, bei der ein gewichtiger Fokus auf den Schulterpartien lag, mutete beinahe surreal an. Zwei mutige Kollektionen von den frisch gebackenen Modeschule-Abgängern.
Ebenfalls zum ersten Mal an der Mode Suisse war Giancarlo Bello mit seinem Label Amorphose, das einen der Show-Höhepunkte markierte. Bello zeigte eine Kollektion aus feinen wie groben Materialien, durchzogen von leuchtend roten Akzenten, voluminösen Ärmeln und raffinierten Details. In seinen Kreationen wirkten die Models äusserst zart und feminin, gleichzeitig aber auch sehr stark und selbstsicher. Besonders einer seiner Looks zog staunende Blicke auf sich: Hose und Oberteil in knallendem Rot und ein an den Händen fixierter, transparent roter Kreis, der das Model umrahmte und ihr eine gewisse Erhabenheit verlieh.
Bei Luka Maurer und seinem Label Garnison lag das Hauptaugenmerk bisher ausschliesslich auf perfekt geschnittener Männermode aus besten Materialien, welche auf einen ersten Blick schlicht und klassisch wirken mag, wobei ein genaueres Hinsehen jedoch innovative Schnitte und geistreiche Details offenlegt. Im Rahmen seiner vierten Mode Suisse-Teilnahme wagte der Jurassier nun Neues: zum ersten Mal designte er für Frauen, wovor er bisher noch zu viel Respekt hatte – unbegründet, wie sich zeigte. Zudem arbeitete er erstmals mit Street Wear-Einflüssen, was seiner Herbst/Winter 19/20 Kollektion das gewisse Etwas verleiht – ohne die klassische DNA Garnisons in den Hintergrund zu stellen.
Wie die Kollektion von Garnison gehörte auch diejenige von Nina Yuun und ihrem gleichnamigen Label zu den klassischeren und alltagstauglicheren der Show. Ihr Mode Suisse-Debüt hatte Yuun während der vergangenen 14. Edition, für welches sie grossen Beifall erntete. Die Erwartungen, welche daher an sie gestellt wurden, erfüllte sie mit unaufgeregt aufregenden eleganten Designs, die den Körper in wallenden Schnitten umschmeichelten, ohne ihn jedoch zu verhüllen.
Sportlichkeit mit einer femininen Eleganz zusammenführen – das ist das Bestreben von After Work Studio um Karin Wüthrich und Matthias Fürst. Die vermeintlichen Gegensätze vermochten sie mit Ihrer Herbst/Winter 19/20 Kollektion wiederum zu verbinden; enganliegende Kleider und Oberteile trafen in harmonischer Weise auf weite Hosen und Jacken, feine Stoffe und gedeckte Farben auf sportliche Materialien und Neon. Hervorzuheben sind die gestrickten Teile, welche zunächst wild gemustert scheinen, bei genauerer Betrachtung jedoch das grossflächig verzerrte Logo des Duos zeigen. Zur Herstellung dieser Stücke haben Wüthrich und Fürst mit einer Schweizer Strickerei-Firma zusammengearbeitet, was ein weiteres Bestreben von After Work Studio unterstreicht: immer wie mehr in der Schweiz oder zumindest in Europa zu produzieren.
Im Schaffen des nächsten Designers liegt Denim voll und ganz im Fokus: Mikael Vilchez, der zwar schon mehrere Male als HEAD-Student an der Mode Suisse teilnahm, während der 15. Edition jedoch das erste Mal mit seiner eigenen Marke Forbidden Denimeries. In seiner Kollektion trafen gegensätzliche Ansprüche, die er an Kleidung hat, und konträre Referenzen aufeinander. Es sind Ansprüche an Kleidung eine Alltags-Uniform zu sein, dies inspiriert von männlichen Figuren, genauso wie aussergewöhnlich und besonders zu sein, inspiriert von weiblichen Figuren. Gegensätzliche Referenzen die einfliessen gründen etwa aus der klassischen sowie der Pop-Kultur. Diese Ansprüche und Referenzen vermag der Designer in gekonnter Weise durch das Vokabular von Denim zu vereinen.
Weit Weg von Denim bewegten sich die Entwürfe des Designer-Duos Mourjjan Roland Rahal und Michael Muntinga, in welchen die Models einen wortwörtlich glänzenden Auftritt hinlegten. Von Look zu Look wurde es glamouröser und extravaganter: schlichte Schnitte und elegant-schimmernde Stoffe steigerten sich in unübersehbare, glitzernde Teile – überaus luxuriös und weiblich wie man es von Mourjjan gewohnt ist.
Eine Kollektion, die gerade in Hinblick auf Farben besonders auffiel, war diejenige von Jacqueline Loekito; zu den Rot- und Pink-Tönen, welche charakteristisch für ihre geschlechtslose Kleidung sind, gesellte sich ein leuchtendes Orange. Neben der Farbgebung unterstrichen weiche Materialien und verspielte Details einen verträumten, vielleicht auch niedlichen Eindruck der Designs – wenn da nicht etwa das Kleid mit den Worten «Fuck Cancer» oder der Pullover mit dem entzweiten Herz wären; Leokitos Herbst/Winter 19/20 Kollektion ist eine Hommage an eine kürzlich verstorbene Freundin.
Etwas weniger bunt aber mindestens so verspielt trieb es der letzte Designer der Show Rafael Kouto. Der Tessiner ist bis über die Landesgrenzen hinweg bekannt für seine Upcycling-Couture, welche die afrikanische und die westliche Kultur zusammenbringt. Auch seine Herbst/Winter 19/20 Kollektion basiert auf diesem Prinzip, wobei Kouto diesmal etwas mehr Westen beziehungsweise mehr Schweiz einfliessen lassen wollte. Doch typisch Schweiz oder sonst irgendwo einzuordnen sind seine Entwürfe aus ausrangierter Kleidung trotzdem nicht. Vielmehr entsprechend sie seiner ganz eigenen, hybriden Ästhetik, welche er mit einem willkommenen Konzept als nachhaltige Alternative zur aktuellen Massenproduktion umsetzt.
Betrachtet man die Herbst/Winter 19/20 Kollektionen der zehn Labels in ihrer Gesamtheit als eine Momentaufnahme der zeitgenössischen Schweizer Mode, so sind nicht wenige Einflüsse internationaler Marken erkennbar. Doch es muss an dieser Stelle auch gesagt werden, dass noch selten jemand etwas komplett Neues erschaffen hat – alles hat eine Inspirationsquelle. Zudem ziehen sich trotz unterschiedlicher Stile und Herangehensweisen einige ansprechende Gemeinsamkeiten durch die verschiedenen Arbeiten hindurch; Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung, gesellschaftliche Normen werden hinterfragt, Kontraste zusammengebracht und neue Formen individueller Ausdrucksweisen untersucht. Wir beobachten das Schaffen der Schweizer Modeschaffenden und dessen Entwicklung weiterhin mit Spannung.
modesuisse.com
Image Credits:
MODE SUISSE EDITION 15 ALEXANDER PALACIOS
MODE SUISSE EDITION 15 EDUARD MELTZER