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Ist die Mode der beste Coach?

Utensilien zur Persönlichkeitsentwicklung haben jeden Bereich unseres Lebens vereinnahmt. Und wenn unser Kleiderschrank das beste Selbsthilfebuch wäre? Zwischen New-Age-Kristallen und Bauch-Beine-Po-Übungen: ein kurzer Überblick über den florierenden Markt der Persönlichkeitsentwicklung.

Zu meiner Linken Lebensberater. Zu meiner Rechten Gymnastiktrainer aus der ehemaligen UdSSR. Und dazwischen die Resignierten. Und was ist mit Ihnen? Gehören Sie eher zu denen, die um einen Bergkristall meditieren, oder ziehen Sie morgens um sechs Ihre Sportschuhe an, selbst wenn es draussen in Strömen regnet? Natürlich sind diese Unterteilungen stark vereinfachend, oberflächlich und sogar, seien wir ehrlich, ein bisschen unfair. In unserem Bestreben, die Wirklichkeit zu erfassen, sehen wir uns gezwungen, willkürliche und oft karikative Abbildungen dieser zu erschaffen. Diese Perspektive hat den Vorteil, die Fäden mühelos zu entwirren, die drei Grossfamilien verbinden. Jeder ihrer Angehörigen ist dabei das komplexe und einzigartige Produkt aus Temperament, Bildung, Glaubensrichtung und soziokulturellem Hintergrund, der unterschiedlicher nicht sein könnte und dennoch durch absolut unverkennbare Archetypen wieder vereint wird.


Wer ist denn nun der grosse Gewinner unserer Zeit? Es ist zweifellos die Kultur des Selbsthilfebuches. Es steht nicht nur an der Spitze der aktuellen Bestsellerlisten, sondern wird auch in diversen Podcasts jeglicher Art aufgegriffen und in New-Age-Mantras, die als Ahnenweisheiten daherkommen («Remember, today is the tomorrow you worried about yesterday»). Es spiegelt sich zudem in diversen Hashtags, in Lebensmitteln aus Supermärkten, in der Hoffnung auf berufliche Neuorientierung (möge derjenige, der keinen Nachbarn hat, der gerade eine Ausbildung zum Coach macht, den ersten Stein werfen) und in einer Fülle von anderen Folgeprodukten wider. Sie haben ganz bestimmt eine Freundin, auf deren Bücherregal – oder versteckt in einer geheimen Schublade – sich Titel wie «Die sieben Gewohnheiten effizienter Menschen» oder «Entdecke deine unbegrenzte Macht» ansammeln. Ganz sicher haben Sie auch einen Kollegen im Büro, der kürzlich angefangen hat zu meditieren. Die Psyche, der Körper, das Geld und natürlich die Liebe: Es gibt keinen Bereich Ihres Lebens, über den Sie nicht angeblich die volle Kontrolle erzielen können. Diese Glücklichen gehören zu den Menschen, die felsenfest daran glauben, dass man genau der werden kann, der zu werden man sich entschlossen hat.


Wenn dieser Archetypus gerade so angesagt ist, dann deswegen, weil er sozusagen das posttraumatische Kind der zweiten Familie ist, derjenigen, die ich gern als «Gymnastiktrainer der ehemaligen UdSSR» betitle. Oder napoleonischer Feldherr. Diese Familie, oftmals handelt es sich hier um Ältere (sieh mal an, fühle ich mich daher etwa zu ihr hingezogen?), glaubt vor allem an Muskelkraft und Schweiss. «Just do it.» Sie haben das Credo geprägt, dass wir selbst die Baumeister unseres Lebens sind. Die Natur kann und soll von der Kultur, der Kultur der Anstrengung geformt werden. Das ist das Prinzip der Zähmung nach dem berühmten Hundetrainer Cesar Millan. Werden Sie zum Herrscher über Ihr Selbst. Wie das geht? Indem man anfängt zu handeln, anstatt immer nur darüber nachzudenken. Kontrolle durch Gestik, fest und sicher, die Hand fest am Kragen, ohne irgendwelche Bedenken. Los, los! Vielleicht weil ich früher Tänzerin war, begleitet mich dieses unverbesserliche Credo bis heute. Das Bein noch ein wenig höher, hopp, hopp! «No pain, no gain.» Ich werde sicher immer dazu neigen, zu denken, dass etwas nicht wirklich effektiv sein kann, wenn es nicht wenigstens ein bisschen wehtut. Das ist wohl der väterliche Erziehungsstil, mit dem Rohrstock – tatsächlich oder bildlich gesprochen –, ein wenig altmodisch, ziemlich masochistisch, recht effektiv, aber auf Dauer anstrengend.


Irgendwo unterhalb dieser Linie befindet sich dann die eher kleine Gruppe derjenigen, die von Veränderungen nichts halten. Aus Trägheit, Nihilismus, Weisheit, oder ganz einfach, weil sie nicht daran glauben, dass es möglich ist, unser Selbst zu formen. Wenn dieser Ansatz – das Fehlen von Wünschen und gleichzeitige Akzeptanz der Realität – auch einen der Pfeiler darstellt, auf den ein Teil der griechischen Philosophie gebaut ist, so ist er doch heute nicht sonderlich hoch angesehen, da er mit einer Art Entsagung gleichgesetzt wird. Warum sollte ich vom Sofa aufstehen wollen, auf dem ich es mir mit einem Bier gemütlich gemacht habe, während ich mich genussvoll dem Binge-Watching hingebe? Warum sollte ich gegen meine Natur ankämpfen wollen? Das ist eine berechtigte Frage. Nein, das wäre wirklich unvernünftig (sagt Ihr Ehemann, der sich für Epiktet hält vor Roland Garros).


Und jetzt, nachdem wir beim Quartettspiel gewonnen haben, was sollen wir jetzt machen? Man kann sich fragen, wie man zu den Waffen greift ­– und vor allem, warum man sich dazu entschliesst, es zu tun. Die Energie, die durch die unendlich vorhandenen Möglichkeiten zur Selbsttransformation, zur Veränderung unserer Mitmenschen sowie der Umwelt entsteht, ist der mächtigste, wenn nicht sogar der einzige Motor, der die Welt seit Anbeginn der Zeit in Bewegung hält. Also sollten wir lieber lernen, wie wir uns auf diesem Schachbrett platzieren sollen und wie wir auf den ständig wechselnden Linien unserer Beziehung zu dieser Energie navigieren können. Die Mode liefert uns ein eindrucksvolles Beispiel hierzu. Ein Kleid von Dolce & Gabbana, ein Off-White-Hoodie, ein Blazer von Yves Saint-Laurent oder ein Trenchcoat von Balenciaga: Jeder weiss, dass diese Kleidung in erster Linie dazu dient, uns in die Fantasiewelt zu katapultieren, die sie verkörpert. Sie hat vor allem eine symbolische Funktion, nämlich die Projektion auf uns selbst inmitten einer möglichen Aufgliederung unserer Identität. Die Mode bietet keine Kleidungsstücke an, sondern vielmehr ein Spektrum von Visionen. Sie ist in gewisser Weise ein echter Coach; sie begleitet uns zur Schwelle unserer eigenen Schöpfung, jener, die darin besteht, unsere eigenen Metamorphosen zu erdenken. Das ist auch der Grund, warum sie zweifellos zur ersten Familie gehört. Denn sie schlägt ein Bild vor, das der Handlung vorangeht. Und darauf basieren auch weitgehend die Techniken des Coachings: die Visualisierung, bei der es darum geht, sich die Zukunft so vorzustellen, wie man sie leben möchte, oder ein vergangenes Ereignis erneut und positiver zu erleben. Dieser Prozess impliziert eine Latenzzeit, die unerlässlich ist, um die am besten geeignete Reaktion auf die Veränderung auszuwählen.


Und wie gelingen diese Veränderungen? Wie geht man am besten vor? Fragen über Fragen, die zunächst einmal eine gewisse Zeit zum Nachdenken, viel Geduld und die Fähigkeit, seine Gedanken in die gewünschte Richtung zu lenken, erfordern. Die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit, seine Intention zu bündeln. Auf dem Papier ist das wunderbar. Ich glaube aber, dass ich im wahren Leben absolut resistent gegen diese Methoden bin: Leider bin ich aus anderem Holz geschnitzt. Anstatt die Latenzzeit abzuwarten, zog ich meine Sportschuhe an und drehte zwanzig Runden im Stadion, machte dreissig Burpees (Sie wissen nicht, was Burpees sind? Googeln Sie sofort das Wort «Burpees») und zog mir zwei Muskelzerrungen zu. Das ist weder besonders ruhmreich noch intelligent. Aber so bin ich eben.


Es ist interessant zu sehen, wie jeder dieser beiden Ansätze zur Effektivität sich zuallererst im Körper und in der sinnlichen Wahrnehmung manifestiert. Der erste beruht auf Beherrschung, der zweite auf Stärke. Nichtsdestotrotz basieren beide auf dem Prinzip der Veränderung und auf der festen Überzeugung, dass es möglich ist, die Materie zu organisieren, das Chaos zu arrangieren, Ordnung zu schaffen und Veränderungen anzunehmen. Egal, ob nun auf psychischer oder physischer Ebene, das Reale wird als eine Ebene wahrgenommen, die wir viel stärker prägen können, als sie uns prägt. Die Mode und ihre mannigfaltigen Ikonen, deren Selbstfindung weitgehend zur Schaffung dieses Mythos beigetragen hat – von Adwoa Aboah bis Bella Hadid –, bestätigen und verstärken die Vorstellung, dass Schicksale mit heissem Eisen geschmiedet werden. Und diese Silhouetten der Modeschauen, diese Bilder in Zeitschriften sind wie ein Selbsthilfebuch: Sie sind alle Teile einer Geschichte, die unserem Lebensweg Gestalt geben soll. Das ist Storytelling in seiner reinsten Form. Und die griechische Mythologie tat nichts anderes. Mit dem Unterschied, dass die Doxa heute will, dass alles möglich ist, solange wir den richtigen Schlüssel zur Lösung finden. Aus genau diesem Grund haben die Utensilien, die uns dorthin bringen sollen, ebenso wie die Modeindustrie den Erfolg, den sie haben. Aktuelle Coachingpraktiken liefern Symbole und neue Waffen für einen Kampf gegen das Chaos und die Entropie, egal, ob im Lotussitz vor einer Kristallsammlung oder in einem Boxstudio – wobei das eine das andere nicht ausschliesst. Was nun diese Stimme aus den Tiefen der Zeit (oder des Sofas) betrifft, die so stolz darauf ist, bereits alles zu besitzen, wonach sie strebt, so mag sie wohl besonnen sein, jedoch, entstanden aus einem tiefen Gefühl der Unzufriedenheit, ist sie das genaue Gegenteil des Prinzips der Schöpfung, das auf Unzufriedenheit basiert, auf der Lust auf Herausforderungen, der Fantasie oder ganz einfach dem Spiel. Und die Unglückliche wird nie das Glücksgefühl erleben, das entsteht, wenn man seinen Jogginganzug auszieht und in ein Kleid von Valentino schlüpft.

 

Illustration:
ANNA HAAS

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