Adwoa Aboah, eine neue Stimme
Adwoa Aboah. Ein Name wie ein Lied, das in der Seele nachklingt. Ein Name wie ein Mantra. Oder eine Anrufung. Adwoas Stimme muss man gehört haben, sie scheint einer Welt zu entstammen, von der es keine Rückkehr gibt. Die tiefe, archaische Stimme abseits jeder Jungmädchen-Hysterie bahnt sich langsam und entschlossen ihren Weg durch das Dickicht des Gesprächs. Ein langgestreckter, magerer Körper wie ein Gehstock, den Kopf rasiert wie ein androgyner Gangster, riesige bewimperte Lider, die sich über ihren Blick senken wie der Abend auf einen Tag in der Kindheit. Adwoa Aboah wurde an der Zeremonie der British Fashion Awards zum Model des Jahres 2017 gewählt, noch vor Kaia Gerber, Bella und Gigi Hadid. Sie war auch das erste Model, das zum Amtsantritt des neuen Chefredaktors Edward Enninful für das Cover der englischen "Vogue" auserkoren wurde, das Steven Meisel im Dezember 2017 fotografierte. Sie ist in aller Munde und momentan der Hype einer Branche, deren ureigenes Wesen in der Erschaffung von Ikonen besteht, die den Verkauf fördern und dabei zum Träumen anregen – oder vielleicht umgekehrt. Adwoa Aboah ist weniger konsensfähig als sämtliche ihrer Kolleginnen, aber nichtsdestoweniger ausgesprochen fotogen. Sie ist nicht einfach eine der weniger kommerziellen Schönheiten, die regelmässig in Erscheinung treten. Sie symbolisiert die Sehnsüchte einer Generation junger Mädchen und Frauen, die sich wünschen, wie Menschen angesprochen zu werden, als Bürgerinnen, vielleicht Aktivistinnen, nicht nur als Treffer auf der kommerziellen Zielscheibe, die ihnen die Anforderungen an das Frausein als Stempel aufdrückt. Damit dieses neuartige Storytelling glaubhaft werden konnte, bedurfte es eines neuen Gesichts und einer neuen Stimme, die den Werbetext besser schreibt als jeder Copywriter.
Adwoa. Prada, Chanel, Céline, Burberry und viele weitere Labels haben sich ihr Image zu eigen gemacht. Ihr Image, und das verbirgt sie keineswegs, das auch mit ihrer Geschichte zu tun hat, ihrem einzigartigen, gebrochenen Lebensweg. Adwoa wurde in die Modewelt hineingeboren. Ihre Mutter ist eine der einflussreichsten Agentinnen Londons, ihr Vater ein Location Scout, der geeignete Orte für Film- und Fotoaufnahmen sucht. Sie hat ghanaische Wurzeln, wuchs aber in London, umringt von Freunden der Familie, auf, in diesem rauschenden, bunt gemischten, flüchtigen Modekarneval. Sie geht häufig aus, probiert alles aus, wird süchtig nach Alkohol und Ketamin (eigentlich ein Narkosemittel für Pferde). Sie erlebt die traurigen Stunden eines jungen Mädchens, das ganz allein in seinem Zimmer Drogen nimmt. Entziehungskuren in Arizona wie ein Rockstar. Rückfälle. Erneutes Cleanwerden. Ein Suizidversuch durch Überdosis, ein viertägiges Koma. Eines Morgens dann endlich der Ruck, an Weihnachten, die Abscheu vor diesem Leben. Nach dem Fall und dem Schockerlebnis die Wiedergeburt. So beginnen die Märchen der Postmoderne. Adwoa gründet daraufhin Gurls Talk, eine Online-Community, die betroffenen jungen Frauen eine Stimme geben will. Die Freiheit, zu sprechen, so wie Adwoa es sich in jüngeren Jahren selbst gewünscht hätte – vor allem in der Schule – und wie sie es in Gesprächsgruppen während ihrer Reha-Therapien erlebt hat. Von sich erzählen, emotional und ehrlich. Schwesternschaft erleben. Sich entblössen. Fühlen, dass man nicht allein ist, dass andere ähnliche schwere Zeiten durchstehen. Arme um die Schultern spüren, auch wenn es nur virtuelle sind.
Dieser Absturz des Phönix ist das, was Adwoa ihre zweite Geburt nennt, die es ihr erlaubt hat, als Ausnahmeerscheinung in der Mode aufzusteigen, sich dank ihrer Einzigartigkeit in einer übermässig an Formaten orientierten Branche zu positionieren. Gewiss, die Versuchung ist gross, dieses Narrativ unter dem zynischen Blickwinkel einer Rückeroberung des Marktes zu betrachten, es enthält eine ausreichend disruptive Geschichte, dass sie sich bei vielen ins Bewusstsein einhakt wie eine Harpune in den Fisch. Auf Gurls Talk ist unter dem Tab "contact" diese Botschaft zu lesen: "Wenn du eine Geschichte zu erzählen hast, ein Gedicht oder eine Zeichnung teilen willst, dann möchten wir sie veröffentlichen! Reiche deine Beiträge unter gurlstalk@purplepr.com ein, und du wirst vielleicht auf unserer Website oder unseren Social Media veröffentlicht." Diese Botschaft geht an die Mailbox einer PR-Agentur, der gleichen, die man wegen einer Einladung zu einer Modenschau kontaktiert. Ja, ich weiss, ich bin misstrauisch und zynisch. Und dennoch glaube ich intuitiv und im Innersten an die Aufrichtigkeit dieser Geschichte und dieser Person und ebenso, dass ihre Vermarktbarkeit momentan genau gelegen kommt. Es ist ein Augenblick, in dem die Blickwinkel sich überschneiden, wo die Erwartungen der Öffentlichkeit Lebensläufe sichtbar machen, die zu anderen Zeiten wahrscheinlich im Dunkeln geblieben wären.
Die Frauenzeitschriften der 90er-Jahre stellten natürlich jene ins Rampenlicht, die dem Jahrzehnt Gestalt verliehen, wie Claudia, Cindy oder Naomi. Nachgerade subversiv war es, wenn man zu lesen bekam: "Mein Frühstück besteht aus einem Orangensaft und einer Zigarette" – was heutzutage selbstverständlich nicht mehr zu lesen wäre. Natürlich gibt es nicht erst seit Adwoa schlechte Lebensentscheidungen: Kate und ihre Kokslinien, Naomi, die zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt wurde, nachdem sie ihre Assistentin geschlagen und beleidigt hatte – das sind die wenigen offenen Geheimnisse, die an die Öffentlichkeit gesickert sind und sonst branchenintern hinter vorgehaltener Hand weitererzählt werden. Solche Capricen unterlagen der Omertà. Kein Model vor Adwoa hatte sich je mit so viel Mut und Offenheit bekannt. Mit dieser Stimme, die Authentizität, Klarheit und Verankerung im einen und unauflöslichen Ich ausdrückt, das sich in jeder Situation treu bleibt, ohne doppeltes Spiel zwischen Beruf und Privatleben. Nach diesem Wendepunkt hat Adwoa sich eine neue Umgebung erschaffen, in gewisser Weise wie der sichere Ort, den man sich vor einer Hypnose vorstellen soll. Ihrer ist ein Haus aus Glas. Die Transparenz ist zu ihrem Lebensethos geworden: ihre Vergangenheit, dass sie aufgrund von Antidepressiva keinen Orgasmus haben kann, ihre postmoderne Rasta-Mütze, ihr Samt-Jogginganzug, ihre Glücksbärchis, ihr penisförmiger Räucherstäbchenhalter, der Inhalt ihres Kühlschranks, ihr Besen, das Foto mit Widmung: "An Adwoa: Kannst du kommen und mir einen blasen, damit ich dich nachher vögeln kann? Mr Marcus. PS: Tyrone hat einen grossen Schwanz", erklärt sie mit der grössten Selbstverständlichkeit in einem Video von Nowness, während sie sich die Nase kratzt. Die Transparenz hat sich auch Gurls Talk aufs Banner geschrieben, die von ihr gegründete Online-Community und ihr "Baby", die Website, die ihren Aufstieg ins Modefirmament begleitet hat. Dort werden Themen angeschnitten wie Ermächtigung, Bodyshaming, psychische Erkrankungen, und natürlich gibt es einen Shop mit hypercoolen Kollaborationen.
Zum Thema Body Positivity – ein Konzept, das Adwoa Aboah persönlich verkörpert, da sie lange Zeit wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Sommersprossen, ihres Haars und ihrer ganzen Person Komplexe gehabt hatte, bis sie es endlich geschafft hat, sich in einem Urschrei an die ganze Welt selbst zu akzeptieren und zu sich zu stehen – kommentiert Aude Legré, Strategiechefin der Trendagentur Peclers Paris: "Die Konsumenten wollen mehr Realismus und Nähe, aber keine Transparenz. Der Gedanke ist also, die goldene Mitte zwischen wahr und begehrenswert zu finden." Dieser blinde Punkt, an dem die Strömungen aufeinandertreffen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Gesellschaft vorhanden sind, das ist der Moment von Adwoa. Sie verkörpert zwar in gewisser Weise die einvernehmlichen Wunschträume junger Frauen – Schönheit, Berühmtheit und «Attitude» – beansprucht aber für sich Ziele als Feministin und Aktivistin und eine alternative Lebensweise. Das eine sagen, das andere sein. Sie dokumentiert wohl eher eine Zeit, in der intrinsische, ideologische oder kommerzielle Konflikte unverdaut aufeinandertreffen als echte Heuchelei. Im Wohnzimmer dieses gläsernen Hauses bleibt das Geheimnis intakt. Und bleibt umso besser verborgen, je mehr es wie unter der Lampe einer Kosmetikerin präsentiert und mittels Vergrösserungsspiegel in die Welt projiziert wird. Auf Adwoas Instagram-Account finden sich Modekampagnen und Charity-Abende neben Fotos von ihr mit "pussy hat" am Women’s March in Washington. Sicher ist der Blog Ausdruck einer Vielzahl von Interessen, eines inneren Reichtums und des unveräusserlichen Rechts auf ein kunterbuntes Leben, wo nichts versteckt werden muss. Doch er ist auch Abbild einer Zeit, die sich alles und dessen Gegenteil zu eigen macht und dabei durch dieses unwiderlegbare Recht auf Diversität und Inklusion Straffreiheit geniesst. Alles vereint in einem holistischen Ich, das den grossen Abstand zwischen den Welten überbrückt, die nicht unvereinbar, aber voller Widersprüche sind und nun langsam miteinander in Kontakt treten. Reden, reden und nochmals reden – das ist Adwoas heilsamer Rat, dem man angesichts kleinlicher Querelen und finsterer Strategen leidenschaftlich gern Glauben schenken – und zuhören – will.
Illustration: Anna Haas