Lara Gut: "Ich habe begriffen, dass man manchmal die Bremse ziehen muss."
Stellen Sie sich eine junge Skirennfahrerin vor, die bereit ist für die Weltcup-Saison. Wie wird sie wohl den Samstagabend verbringen? Eine leichte Mahlzeit und ab ins Bett? Ein Gala-Dinner? Nein, an jenem Tag sitzt sie im Auto, auf dem Weg nach Venedig, um eine Freundin, die Marathonläuferin ist, als Fan zu unterstützen. Sie halten das für Klatsch und Tratsch? Nur, weil Sie den Hintergrund noch nicht kennen. Lara Gut hat eine einer Veteranin im Skisport würdige Menge an Medaillen geholt. Doch im Februar 2017 stürzte sie bei der Vorbereitung zum Kombinationsslalom der Damen der alpinen Skiweltmeisterschaft von St. Moritz: Riss des vorderen Kreuzbands und Meniskusverletzung. Schon beim Lesen tut das weh. Sechs Monate Pause und Weltmeisterschaft ade. Doch Laras Mantra lautet: "Je schwieriger, desto besser." Tatsächlich war das, was für viele ein Unglück bedeutet hätte, für sie ein Geschenk des Himmels. "Mit 16 Jahren landete ich mit einem Schlag beim Weltcup. Nach zehn Saisons weiss man, was man als Athletin zu tun hat. Man schaltet auf Autopilot: Training, Wettkämpfe, Nachholen, Auswärtsrennen, neue Ausrüstung testen, Gymnastik, Treffen mit der Nationalmannschaft, Interviews. Mir ist bewusst geworden, dass der Mensch, der sich hinter der Sportlerin versteckte, vom Weg abgekommen war.
Seit Skifahren zu meinem Beruf geworden ist, habe ich mir nie mehr ernsthaft die Zeit genommen, um darüber nachzudenken, was ich wirklich brauche. Deshalb hat mir diese Pause genützt, um mich um all das zu kümmern, was nichts mit einer Abfahrt zu tun hat." Also schaltete Lara die Scheinwerfer aus und konzentrierte sich wieder auf das, was wirklich zählt. "Ich erinnere mich daran, wie ich allein in meinem Hotelzimmer gefangen sitze. Da ruft eine Freundin an und sagt zu mir, ich solle mich nicht rühren, sie sei mit Sushi auf dem Weg zu mir. Ganz zu schweigen von denen, die mitten in der Nacht durch Lugano gefahren sind, um mir eine Glace zu holen und zum Essen nach Hause zu bringen." Sie fing wieder an, zu kochen und ihre Lieblingsautoren zu lesen: von Ken Follett über Jeffery Deaver und Carlos Ruiz Zafón bis zu Wilbur Smith. Und selbstverständlich mag sie actionreiche Krimis. Jetzt möchte Lara glücklich sein, und für sie war und ist das Glück eine vereiste Piste. "Es ist ein sehr aggressiver Schnee, und am liebsten ist es mir, wenn ich entschlossen kämpfen kann. Auf dem Eis muss man sehr präzise sein und sanft fahren, jede Kurve muss mit Überzeugung genommen werden, wenn man unentschlossen ist, stürzt man bloss." Auf die Frage, wie sie sich selbst nach ihrem schweren Unfall wieder auf Kurs gebracht habe, antwortet Lara Gut: "Nach meinem Unfall ist mir noch stärker bewusst geworden, wie sehr ich das Skifahren liebe, wie viel Glück ich habe, das tun zu können, was ich gern tue, und auch körperlich dazu in der Lage zu sein. Natürlich bin ich im Winter um halb elf im Bett. Immer. Ich kann nicht erwarten, dass mein Körper jeden Tag macht, was ich will, ohne ihm Schlaf zu gönnen."
Unterstützt wurde sie in diesen Monaten vor allem von ihrem Trainer (ihr Vater, Pauli Gut, Anm. d. Red.), "dem Menschen, der es mir ermöglichte, den Weltcup zu gewinnen", erzählt sie mit breitem Lächeln. "Mein Papa war es, der mir beigebracht hat, dass der Wettkampf vor allem für oder gegen mich selbst ist. Wichtig ist, immer sein Bestes zu geben. Am Starttor spüre ich nur das Adrenalin und die Aufregung. Ich mache mir überhaupt keine Sorgen, weil mein Team sich um jedes Detail gekümmert hat. Ich kann nicht scheitern, denn wenn ich alles von mir gebe, ist das für diesen Tag gut. Manchmal bedeutet sein Bestes geben, sieben Tore zu nehmen und dann zu stürzen. Man steht wieder auf und baut dann darauf auf. Inzwischen habe ich begriffen, dass man manchmal die Bremse ziehen und Nein sagen muss." Und sie fährt fort: "Oberste Priorität hat für mich, von jedem Wettkampf zu profitieren, um schnell zu fahren und die wunderbare Arbeit, die ich ausübe, zu geniessen." Apropos: Sie fragen sich wahrscheinlich, ob Laras Freundin, die Marathonläuferin, den Venedig-Marathon gewonnen hat. Nein. Aber für beide gilt die Regel: Um Spass zu haben, sich weiterzuentwickeln, zu wachsen, muss man seine Freizeit mit den Menschen verbringen, die einem Energie geben.
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Fotografie - Federico Floriani