Doctor Wellness und Mister Winehouse
Kinder, wenn ihr diese Zeilen lest, sitze ich wahrscheinlich auf einer Terrasse und trinke ein Glas Rosé. Denn im Mai kann man bitte schön machen, was einem gefällt. Ober, noch ein Glas Rosé, bitte schön. Wenn Sie nicht gerade schon dasselbe tun, dann ziehen Sie los und setzen sich hinaus. Im Kiosk in Ihrer Nähe sind wahrscheinlich schon die Frauenzeitschriften in der Auslage, auf deren Titelseiten Ihnen die Rundumerneuerung für den Sommer ans Herz gelegt wird. In der Presse kennt man das als Evergreen, und man muss dazu wissen, dass sich die Hefte mit einer Diät auf dem Cover am besten verkaufen. Ausser dass Diäten heutzutage natürlich sowas von gestern sind. So Achtziger. Heute ist die Rede von Wellness, ins Lot kommen, Chakras, mit sich selbst im Einklang sein. Da geht es um das Finden der eigenen Stimme, das Verhältnis zwischen dem Ich und dem Universum. Auch wenn man am Ende immer noch hübsche Kurven möchte, wenn man in den Badeanzug schlüpft. Und die Instagram-Bilder, die inzwischen die Werbebilder ersetzt haben – und die Diversität besser repräsentieren –, bestätigen diese mit polizeilicher Strenge überwachte Utopie mehr denn je. Die Wege dorthin sind zahlreicher,
Und zum Thema Disziplin, da weiss ich jede Menge, Kinder. Ich glaube, ein Grossteil meines Lebens war bestimmt von dem Versuch, meinen Körper und meinen Geist zu bändigen, mal mit ganz strengen Regeln, mal mit den extremsten New-Age-Ansätzen. Eine Ordnung erschaf- fen. Den Trieb, die Unruhe, die Ausdehnung, das Nichtvorhandensein von Sinn beherrschen. Genau wie die französischen Gärten als Reaktion auf die überbordende Fülle des Barock im Versailles des 17. Jahrhunderts mit der Richtschnur angelegt wurden. Natürlich gab es da ein paar Jahre klassisches Ballett, in denen ich das Gefühl der Selbstdisziplin (und vielleicht des Masochismus) entdeckte, das den Körper unerbittlich in Form bringt. In einer prometheischen Handlung seinen Körper modellieren wie ein Stück Lehm. Dieses Machtgefühl, das die Erschaffung des eigenen Ichs mir verlieh, gefiel mir ausserordentlich gut. Dann änderten sich die Zeiten, und ich wurde älter. Auf dem Gebiet körpertherapeutische Ansätze zur Gesundheitsförderung konnte mich nichts schrecken. Ich habe alles ausgetestet, genau wie damals, als ich versuchte, mein Bein höher auf die Stange zu bringen: mit so viel Entschlossenheit, dass ich zu atmen vergass. Ich hatte wochenlang gelbe Finger, weil ich Golden Lattes mit frischem Kurkuma machte. In einem Sommer in einer kleinen südfranzösischen Stadt war ich besessen von meiner zuckerfreien Diät, an die ich mich wildentschlossen hielt, und lief kilometerweit zu Fuss, um rohe Kakaobohnen zu finden, die ich anschliessend selbst röstete und sorgfältig von Hand schälte (meine Finger waren davon ganz wund), nur um einen leich- ten Geschmack von Schokolade im Mund zu haben. Jeden Morgen schluckte ich Unmengen von Nahrungsergänzungsmitteln, die nicht einmal den ganz alternativen Apothekern richtig geläufig waren (Glutathion – kennt man, oder?). Alles nur, weil ich dazu irgendwann einen Artikel von einer Zwangsneurotikerin aus Manhattan in der "New York Times" gelesen hatte.
Ich bekam Schmerzen davon, dass ich ungezuckerte Mandelmilch im Rucksack heimtrug (natürlich machte ich meine Einkäufe zu Fuss). Während ich diese Zeilen schreibe, teilt mir die Produzentin der lokal angebauten Biomandeln im Chai-Mantel persönlich mit, dass die Produktion zwei Monate lang unterbrochen wird und ich – angesichts meines massiven Konsums – schnell bestellen sollte. Ich könnte Ihnen tausend Anekdoten erzählen über die Berge von Lektüre, Erfahrungen und Gegenständen, die ich mit mehr oder weniger Eifer gesammelt beziehungsweise ausprobiert habe, während ich auf meiner schrecklich hilflosen Suche nach ganzheitlichem Wohlbefinden war. Akupunktur (ganz okay, Wellness-Level 1). Meditation zu tibetischen Klangschalen. Thaimassagen, Massagen mit heissem Stein oder mit frisch geernteten Alpenkräutern. Kristalle. Lithotherapie (natürlich mit den Edelsteinen von Marie-Hélène de Taillac). Kundalini-Yoga, Pilates, Ko-Shiatsu, Mantras. Schamanen. Kinesiologie. EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Ätherische Öle und Selbstmassage. Bienenpollen (ungeniessbar). Algen. Selbst gemachte Kale-Chips und selbst gebackenes Brot, für das ich über Tage hinweg meinen eigenen Sauerteig habe gären lassen (Wellness-Level 36). Ich fahre nie in die Ferien ohne meine eigenen Teebeutel von Mariage Frères und meinen Bio-Tee. Am Morgen Zitrone in lauwarmem Wasser. Am Mittag Zitronenschale in heissem Wasser. Die Detox-Kuren von der Frau, die auch Sofia Coppolas Guru ist. Die Lektüre von Goop, Mindbodygreen und "Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte". Die Kohlblätter auf den Brüsten in der Stillzeit. Wenn man mir ein Urschrei-Wochenende vorgeschlagen hätte, wäre ich wahrscheinlich gleich mit dabei gewesen. Alles in dieser narzisstisch-kosmischen Agenda bezog sich auf das Innere: Höhlenforschung in den Gefühlen.
Und dann, eines Tages im Frühling, auf einer Terrasse, aus heiterem Himmel, ein Glas Rosé in der Hand, habe ich mich verliebt. Sehr verliebt. Eine Amour fou, ganz plötzlich, die mir die animalische Seite meines Körpers bewusst machte, der ich nie Raum gelassen hatte, eine Liebe, die mich völlig auflöste. Mein Körper war nur noch Elektrizität. Ich verlor ohne mein Zutun ein Zehntel meines Gewichts, aber Essen war das Letzte, worum ich mir Gedan- ken machte. Meine Ernährung bestand aus harten Eiern, Kartoffeln, ab und zu McDonald’s, wenn ich merkte, dass ich wirklich Hunger hatte, und einer beträchtlichen Anzahl Flaschen Rosé. Tausende Zigaretten. Ich schlief nicht mehr. Wie bei Churchill lautete das Geheimnis meiner Gesundheit: "No sports." Ich war fröhlich, witzig, energiegeladen, ich fühlte mich unglaublich lebendig. Und all das ohne die geringste Mühe. Eine grosse, leidenschaftliche Affäre, gefolgt von einer riesigen Depression, weil ich diese leidenschaftliche Affäre aufgeben musste: Die Leute sagen einem, man sei nie schöner gewesen. Natürlich war das eindeutig nicht die Zeit, in der ich mich am meisten im Einklang mit mir selbst fühlte. Die elektrische Spannung liess nach, und da ich weder ass noch schlief, verausgabte ich mich völlig. Ich hatte überhaupt keine Kontrolle mehr. Aber als meine Sinne aus dem Takt gerieten, machte ich zugleich mehr denn je die Erfahrung dieses berühmten Loslassens, das ich zuvor so sehr gesucht hatte. Ich hatte die Chance, das, was in meinem tiefsten Inneren versteckt war, mit Händen zu greifen – meine Abgründe, meine Wünsche, alles, was in der Tiefe unserer Intimität knistert und bebt. Und auch wenn diese Zeit für mich körperlich zu anstrengend gewesen wäre, wenn sie länger gedauert hätte, war das brennende Zeichen, das sie bei mir hinterliess, viel mächtiger und lohnender als alle Regenwasser-Kräutertees, die ich während meiner Wellness-Experimente getrunken habe. Das war mein Amy-Winehouse-Moment. Und meine Güte, war der gut.
Ich sehe oft, wie meine leicht versnobten Boho-Freundinnen ihre glutenfreie Ernährung und die täglichen Stunden im Bikram-Yoga mit einer guten Dosis Nikotin und Caipirinhas ergänzen. Molière hätte sich sicher über diese Scheinfrommen mit ihrer Instagram-tauglichen Wellness mokiert. Sind sie heuchlerisch oder schizophren? Oder stehen sie einfach im Konflikt zwischen ihrem hedonistischen Trieb und dem Wunsch nach Kontrolle, der in der sozialen Ordnung einen so hohen Wert hat und mehr denn je ästhetischer Natur ist? Ich glaube, sie wollen beides erreichen, indem sie in zwei entgegengesetzte Richtungen gehen. Und in genau dieser Spannung finden sie auf ihrer Suche nach Erkenntnis zwischen Ordnung und Chaos ihr Selbstbild, ein wenig bruchstückhaft und kubistisch. Im 17. Jahrhundert wurden in literarischen Utopien Gesellschaften beschrieben, in denen Ordnung und Vernunft herrschten. Vollkommen vernunftgeleitete Systeme mit expliziten Normen, die auf der Beherrschung der Triebe beruhten. In all diesen Texten, in den Ordnungssystemen, die auf der Unterdrückung des Körpers und des Geistes beruhten, trat eine Disruption hinzu: ein Störfaktor, der dieses Ideal der sozialen Kontrolle infrage stellte. Und dieses Element des Chaos entstand immer aus Sexualität und sorgte in dieser erstarrten Gesellschaft für Aufruhr. Da ist leicht eine Parallele zu erkennen zwischen diesem Bedürfnis, die Materie und das Chaos zu ordnen, dem Wunsch dieser Utopien nach der Zähmung der Natur einerseits, und andererseits dem, was heute in den ästhetischen Zwängen des 20. Jahrhunderts herumgeistert, wo der Druck auf den weiblichen Körper – den es natürlich immer gegeben hat – Formen annimmt, die zugleich liberaler und tyrannischer denn je sind. Der Körper, ordentlich wie ein französischer Garten, gelegentlich anfällig und in seine Einzelteile zerlegt durch eine subversive, alles auslöschende Geste oder ein tiefgreifendes Bedürfnis nach Unordnung, das die animalische Seite des Körpers mit sich bringt. Oder Sex.
Sie sind auf dieser Terrasse mit Ihrem Glas Rosé in der Hand. Die Titelbilder der Zeitschriften fordern Sie auf, sich für den Sommer fit zu machen. Die Realität in Form zu bringen. Diese ganze Dynamik findet sich wieder in der Geste des Künstlers oder eines Kindes, das einen Turm aus Bauklötzen baut, bei den Mystikern, die an den Sinn des Universums glauben möchten, den Frauen und Männern, die Geist und Körper trainieren, um sich leistungsfähiger, erfolgreicher und verführerischer zu machen, und dabei versuchen, dieses Rohmaterial zu einem verständlichen Ganzen anzuordnen. Dieses Spannungsfeld zwischen Chaos und dem Wunsch nach Kontrolle ist der Ort, wo man seine eigenen Verflechtungen auflöst. Sie untersucht, betrachtet und vor allem lebt. Sich noch eine Zigarette nimmt. Und keine Angst vor dem Chaos hat. Denn durch die Risse fällt das Licht.
Image Credits:
Illustration - Anna Haas